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Kalt und herzlos

Juni 14, 2010

In Urlaubsvertretung nahm ich einen Anruf in einer erbrechtlichen Angelegenheit an. Mein Kollege vertritt den Erben. Der anwaltlich vertretene Gegner begehrte den Pflichtteil und wollte zuvor Auskunft über den Nachlaß erhalten. Ein ganz gewöhnlicher Sachverhalt. Der Gegner verstarb allerdings noch vor Auskunftserteilung.

Nun hatte ich eine Anruferin am Telefon, die sich als Frau X vorstellte und in recht energischem Tonfall wissen wollte, ob, wann und was wir dem Rechtsanwalt des verstorbenen Pflichtteilsberechtigten geschrieben hatten. Auf Frage, wer die Anruferin denn überhaupt ist, teilte sie mit, daß sie Erbin des verstorbenen Gegners sei.

Ich wies höflich darauf hin, daß ich ihr dazu telefonisch keine Auskünfte erteilen würde. So sie von dem Rechtsanwalt des Verstorbenen vertreten werde, möge Sie sich bitte direkt an diesen wenden.

Meine mangelnde Auskunftsfreude stieß ersichtlich auf wenig Verständnis, so daß die Anruferin „noch eine Frage“ hatte. Sie wollte wissen, warum ich denn „so kalt und herzlos sei, daß ich über Leichen gehe“.

Da bleibt nur zu hoffen, daß sich die Anruferin tatsächlich von dem gegnerischen Kollegen vertreten lassen wird, damit ein sachlicher Gesprächspartner vorhanden ist.

RA Müller

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4 Kommentare

  1. Ach Herr Müller, dass Sie zum Schutz der Güter Ihrer Mandanten die Gegner um die Ecke bringen, hat sich wohl bald herumgesprochen…

    Ein bisschen Sachlichkeit hat noch nie geschadet, aber wenn man keine Argumente hat (oder rechtlich gesehen einfach keine Mittel), ist die persönliche Schiene scheinbar eine erfolgversprechende Alternative.


  2. Also in Strafsachen bin ich ja nun schon der einen oder anderen Leiche begegnet. Auch im Erbrecht ist das Vorhandensein eines toten Menschen nicht ganz untypisch, aber bisher trat ich ja immer erst auf, nachdem dieser Zustand eingetreten war 😉

    Die Anruferin hat mich übrigens im Telefonat „bestraft“. Ich hörte unvermittelt einen Besetztton und wollte dann gerade auflegen, als die gute Frau wieder am Telefon war mit einem „Und, was ist jetzt?!“. Auf meine Bemerkung, daß sie kurzzeitig aus der Leitung war, bekam ich als Antwort zu hören: „Sie wollen mir ja keine Auskunft geben, dann kann ich sie auch wegdrücken.“
    Das habe ich dann auch getan.


  3. Wäre hier eine Auskunft nicht ein Verstoß gegen § 203 StGB gewesen? Dass Sie sich strafbar machen, kann man von Ihnen nun wirklich nicht verlangt werden.


    • Wenn man schon über Leichen geht, dann sollte so ein bißchen § 203 StGB-Verstoß doch kein Hindernis sein *Ironie aus*



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