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Eine peinliche Verwechslung

Januar 10, 2011

Es stand eine Strafsache an. Ich hatte meinen Mandanten noch nie persönlich gesehen. Zwar hatte ich ihn nach Erhalt der Ermittlungsakte mehrfach angeschrieben und gebeten, mich zur Rücksprache und Vorbereitung der Hauptverhandlung aufzusuchen. Der Mandant hatte es jedoch vorgezogen, sich nicht mit mir in Verbindung zu setzen, so daß ich gespannt war, ob er überhaupt zur Verhandlung erscheinen würde.

Wenige Minuten vor dem Termin erschien dann ein Mann mit Aktenkoffer, bei welchem es sich dem Alter nach durchaus um meinen Mandanten handeln konnte. Ich fragte ihn daher: „Herr X?“

Er nickte bejahend.

Daraufhin stellt ich mich ihm kurz vor und merkte an, daß es recht ungünstig sei, daß er mich nicht mehr vor der Hauptverhandlung aufgesucht habe.

Recht forsch erwiderte er, daß er dafür nun wirklich keine Zeit gefunden habe. Er sei schließlich sehr beschäftigt.

Auf meine Frage, ob wir die Gelegenheit nun nutzen wollte, die Sache noch kurz durchzugehen, erwiderte er gleichermaßen forsch, daß das nicht erforderlich sei. Er wisse schon, was er zu sagen habe.

Da war ich dann doch etwas überrascht und fragte mich, was das wohl für eine Verhandlung werden würde. Wir betraten den Gerichtssaal und ich bedeutete ihm, neben mir Platz zu nehmen. Er zögerte etwas und setzte sich dann.

Als die Richterin dann den Gerichtssaal betrat, fielen dann die folgenden Worte: „Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sollte vielleicht hier vorne Platz nehmen…“, woraufhin er sich umsetzte und seiner Tasche die Robe entnahm. Erst jetzt fiel ihm auf, daß ich ihn für den Angeklagten gehalten hatte.

Ups.

Der Staatsanwalt war gerade erst bei der Staatsanwaltschaft und hatte meine „Herr X?“-Frage wohl dahingehend verstanden, ob er „in der Verhandlung gegen Herrn X“ komme und deshalb genickt. Glücklicherweise waren alle Beteiligten mit Humor gesegnet.

Mein Mandant ist übrigens zu der Verhandlung nicht mehr erschienen.

RA Müller

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7 Kommentare

  1. Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie hätten Ihrem „vermeintlichen“ Mandanten noch schnell einen konkreten Rat oder eine bestimmte Vorgehensweise für die Verhandlung mitgegeben. 😉


  2. A la „Sagen Sie besser nichts, das geht sonst nur nach hinten los“?
    Die Reaktion wäre zumindest sehr interessant gewesen 😉


  3. Herrlich, eine der schönsten Anekdoten seit langem. Eine Geschichte, wie sie nur das wahre Leben schreiben kann.


  4. Und die weiße Krawatte ist nicht aufgefallen???


    • Hm, ich erinnere mich nicht, eine weiße Krawatte gesehen zu haben.


  5. In der Richtung von GH kann man sich noch sehr viel bösere Dinger denken. Im schlimmsten Falle hätte der Staatsanwalt/Anwalt der Gegenseite/Mandant der Gegenseite sich sogar bewusst verstellen können, um nach Informationen zu fischen. Man kann sich auch eine Güteverhandlung denken, wo Sie den falschen Mandanten ergriffen haben: Herr Müller, ich kann leider nicht für die Verhandlung bleiben, ich wollte aber noch sagen, dass ich diese Müll unbedingt loswerden möchte, selbst dann wenn der Vergleich niedriger als geplant ausfällt. (Ein Betrug, der auch die Nachprüfung durch den richtigen Mandanten bestehen könnte, je nachdem wie spätere Schriftsätze formuliert sind.)


  6. […] An dieser Stelle berichtet ein Rechtsanwalt von der Verwechslung des Angeklagten und (seines Mandanten) mit dem Staatsanwalt. Er sprach einen Herrn vor dem Saal an, ob er Herr X sei. Der Staatsanwalt meinte, es gehe um die Sache des Herrn X und bejahte. Da er sich seiner Sache aber sicher war, besprach er keine Details mit dem Kollegen, so dass dieser seine Strategie nicht schon vorher offenbarte. […]



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