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Warum man mit seinem Verteidiger reden sollte

April 26, 2011

Manche Mandanten scheinen in Strafsachen die Auffassung zu vertreten, daß man seinem Anwalt lieber nicht alles erzählen sollte. Diese Mandanten sollten dann allerdings nicht überrascht sein, wenn ihr Anwalt auf der Grundlage der unzureichenden oder gar falschen Informationen im Verfahren gegen eine Wand läuft.

Der Angeklagte war wegen einer gefährlichen Körperverletzung zu einer Jugendstrafe ohne Bewährung verurteilt worden. Er wies zahlreiche Vorstrafen auf. Die Tat war kurz nach Haftentlassung begangen worden. Er hatte keine Arbeitsstelle und bislang alle Hilfsangebote der Jugendgerichtshilfe in den Wind geschlagen. Kurz: Die Aussichten, in der Berufung noch Bewährung zu erhalten, standen hundsmiserabel.

Dennoch sollte Berufung gegen das Urteil eingelegt werden. Die Zeit bis zur Berufungsverhandlung wollte der Mandant nutzen, seiner Lebenssituation einen Frühjahrsputz zu verpassen.

Erst unmittelbar vor der Berufungsverhandlung war der Mandant dann wieder zu erreichen. Er teilte mit, daß er zwar nicht alle seine Ziele erreicht, aber immerhin dieses und jenes unternommen habe, welches dem Gericht auch nachgewiesen werden könne. Die ausdrückliche Frage, ob sich seit der letzten Verhandlung noch irgendein strafrechtlich relevantes Verhalten ereignet habe, das man ihm im Termin entgegenhalten könne, verneinte er.

Im Termin dann die Überraschung: Gut zwei Monate zuvor war der Mandant im Strafbefehlsverfahren wegen einer einschlägigen Straftat verurteilt worden. Der Strafbefehl war ihm ordnungsgemäß zugestellt worden und er hatte auch bereits erste Zahlungen darauf geleistet.

Es ist mir nach wie vor schleierhaft, aus welchem Grund es dem Mandanten sinnvoll erscheinen konnte, dies in der Besprechung unter den Tisch fallen zu lassen. Es wird wenig überraschen, daß unter diesen Vorzeichen keine Bewährung mehr zu erlangen war.

RA Müller

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10 Kommentare

  1. Na, für den Mandanten scheint es ja alles nicht so relevant zu sein. Insofern ist es vielleicht einfach eine grundsätzliche Frage der Relationen. Bestimmt war die Frage an ihn einfach falsch gestellt! ;o)


    • Um es mit Doyle/Holmes zu sagen: „When you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.“


  2. Laien haben wahrsch. irgendwo mal gehört, dass Verteidiger nicht zugunsten ihres Mandanten lügen dürfen; daraus entwickelt sich dann vielleicht ein gewisses Mißtrauen auch gegenüber dem Verteidiger;
    dass in diesem Fall die Lüge nicht das Allerklügste war, liegt jedoch auf der Hand….


  3. Das ist zwar eine unangenehme Überraschung, aber ändern dürfte sich dadurch denn doch nichts.

    Vielleich hat er durch die viele Routine das tatsächlich vergessen.


    • Das stimmt, geändert hat sich vermutlich nichts. Aber die Predigt des Gerichts hätte mein Mandant sich ersparen können 😉


      • Einen Anschiss zur rechten Zeit spart Kummer und Leid.

        Eine Predigt kann manchmal wirkungsvoller als eine Haft sein.

        (Hups, ich kann ja reimen)


        • Der Mandant hatte nicht die Wahl Predigt ODER Haft, nur zwischen Haft sowie Predigt+Haft *g*


  4. Ich oute mich mal als Laie und da schießen mir einige Fragen durch den Kopf:
    „Zahlreiche Vorstrafen“
    wieder eine Straftat begangen…

    Und mit diesem Wissen wird noch Bewährung beantragt? Ich verstehe wirklich nicht alles, was in unserem Rechtssystem passiert…


    • Da kann ich mich leider nur anschließen. Sowas fühlt sich für mich auch nicht richtig an. Wobei es mir in vielen Fällen gar nicht um die Bestrafung der Täter geht, sondern um den Schutz der Gesellschaft vor weiteren Straftaten.


    • Grds. haben Sie recht, es sind aber stets mehr Umstände zu bedenken als sich in einem kurzen Blog-Eintrag darstellen lassen.
      SO kommt es insbesondere auf die Lebenssituation des Angeklagten zum Zeitpunkt des Urteils an, die sich durchaus seit Tatbegehung entscheidend geändert haben kann. Es sollte verständlich sein, daß etwa Taten, die aus Wohnungs- und Arbeitslosigkeit heraus begangen worden sind eine andere Bewährungsprognose ermöglichen, wenn der Täter zum Urteilszeitpunkt wieder Wohnung und Arbeit hat). Ebenso spielt eine Rolle, ob es sich um einschlägige Taten handelt oder auch der neuen Tat besondere, mildernde Umstände zugrunde lagen. Etc etc. Anhand der wenigen Informationen, die in einem Zeitungsartikel oder auch einem Blog-Eintrag enthalten sind, läßt sich selten ein vollständiges Bild gewinnen.



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