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Zeuge wider besseres Wissen?

Oktober 31, 2011

Der Kläger K verlangte von meiner Mandantin Schadenersatz. Er hatte von ihr ein Fahrzeug für 450,- € gekauft, das sie ihm dann aber nicht übergeben hatte. Er behauptete dann, daß er dieses Fahrzeug für sage und schreibe 1.600,- € weiterverkaufen konnte, so daß ihm in Höhe der Differenz Gewinn entgangen sei. Angeblicher Käufer des Fahrzeuges sei Zeuge Z, der anwesend war, als meine Mandantin dem K das Fahrzeug für 450,- € verkaufte.

Man bedarf keines besonderen Spürsinnes, um zu erkennen: Die Sache stinkt zum Himmel.

Warum sollte Z von K ein Fahrzeug für 1.600,- € kaufen, wenn er doch weiß, das das Fahrzeug in seinem Beisein für gerade einmal 450,- € erworben wurde? Warum hatte er seinerzeit das Fahrzeug nicht gleich selbst gekauft? Wieso sollte er das Fahrzeug („Schrott auf Rädern“ und ohne Papiere) für einen vermutlich völlig überzogenen Preis kaufen, zumal er selbst auch nicht eben über Geld im Überfluß verfügte?

K legte allerdings einen von Z unterzeichneten Kaufvertrag vor, in dem nicht nur die 1.600,- € sondern auch eine Anzahlung von 450,- € erwähnt wurden. Auch berief sich K auf Z als Zeugen, so daß das Gericht den Zeugen dann auch anhören mußte.

Es bedurfte allerdings etwas Überzeugung, den Zeugen überhaupt dazu zu bewegen, bei Gericht zu erscheinen. So mußte zunächst ein Ordnungsgeld verhängt werden. Die Aussage des Zeugen führte dann dazu, daß die Mimik der Klägervertreterin nur noch als „not amused“ bezeichnet werden kann:

– Ja und ob er das Fahrzeug von dem K gekauft habe. Ein schriftlicher Vertrag? Könne schon sein, daß der Vertrag auch schriftlich geschlossen worden sei. So genau wisse er das nicht mehr.

– Der Kaufpreis? 700,- € dürften das gewesen sein. So genau wisse er auch das nicht mehr.

– Eine Anzahlung? Nein, die habe er nicht geleistet – glaube er zumindest.

– Ob er denn nach dem Scheitern des Vertrages eine Anzahlung zurückerhalten habe? Ess ei denn, er habe eine Anzahlung geleistet. Die habe er dann sicherlich auch zurückerhalten.

– Auf Vorlage des schriftlichen Kaufvertrages: Ja, den habe er selbst ausgefüllt, da der K nicht so gut schreiben könne.

– Warum im Vertrag 1.600,- € und nicht 700,- € als Kaufpreis stünden? Das sei sicherlich ein Versehen gewesen.

– Auf die Frage, warum er als Bezieher von Sozialleistungen nicht mehr wisse, ob er eine Anzahlung von immerhin 450,- € geleistet habe, wußte Z so recht keine Antwort.

Mit jedem Wort, das der Zeuge äußerte, wuchs ersichtlich das Mißtrauen bei den anwesenden Prozeßbeteiligten.

Wenig überraschend hat das Gericht die Klage dann auch abgewiesen. Es dürfte allerdings nicht ganz unwahrscheinlich sein, daß Z demnächst erneut aussagen darf, dann allerdings als Beschuldigter.

RA Müller

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