h1

Mit der Erinnerung ist es wie mit gutem Wein…

Dezember 13, 2011

… denn wie Wein benötigt Erinnerung auch eine gewisse Zeit, um die gewünschte Reife zu erreichen.

Zu dieser Erkenntnis könnte man jedenfalls kommen, wenn man sich ein aktuell laufendes Zivilverfahren vor Augen hält.

Streitig ist, ob der Beklagte oder der Kläger selbst gewisse (Pfusch-)Arbeiten durchgeführt hat. Der Kläger bot eine ganze Batterie von Zeugen auf, die in ihrer ersten Vernehmung vor Gericht auch alle brav bestätigten, daß der Beklagte der Schuft war. Nur an ein konkretes Datum konnte sich nicht ein einziger dieser Zeugen erinnern. Oktober sei es wohl gewesen, so der eine Zeuge. An einem Samstag müsse es gewesen sein, so ein anderer Zeuge. Herbst oder Winter war es wohl, so ein weiterer Zeuge. Auch auf Nachfrage lieferten die Zeugen zum Datum keine nennenswerten Details.

Da das Amtsgericht die Beweisaufnahme indes nur unvollständig durchführte, verwies das Landgericht die Sache auf die Berufung des Beklagten hin an das Amtsgericht zurück.

Der nun zuständige Richter wollte sich von den Zeugen verständlicherweise einen persönlichen Eindruck verschaffen und vernahm daher die besagten Zeugen erneut.

Und jetzt kommt die Sache mit dem Wein: Nachdem ein Jahr seit der ersten Zeugenaussage und drei Jahre seit dem behaupteten Geschehen vergangen sind, konnte überraschend jeder der klägerischen Zeugen das genaue Datum benennen, an dem der Kläger die Arbeiten durchgeführt habe. Jeder der Zeugen schilderte das Datum auch gleich zu Beginn seiner Zeugenaussage und benannte auf Nachfrage auch einen Grund, warum er  sich denn nach drei Jahren noch an das Datum erinnern konnte.

Einmal war es das Tagebuch des (an der Sache nicht beteiligten) Vaters, anhand dessen sich der Zeitpunkt angeblich rekonstruieren lassen habe. Ein anderes Mal war es der eigene Kalender, dann wiederum der Geburtstag einer Nachbarin, der am Abend des besagten Tages gefeiert wurde.

Es dürfte ausgesprochen zurückhaltend formuliert sein, wenn ich es nur als „seltsam“ bezeichne, daß nicht ein einziger dieser Zeugen im Rahmen der ersten Aussage einen solchen Umstand angegeben hat, um den Vorfall zeitlich einzuordnen.

Zumindest haben sich die Zeugen – die das angebliche Kerngeschehen in harmonischer Eintracht schilderten – dann in zahlreichen Details widersprochen. Böse Zungen würden behaupten, daß man hieran erkennt, daß ein Geschehen erfunden ist.

Aber nein, die Abweichungen der Aussagen sind bestimmt auf den Zeitablauf zurückzuführen. Mann kann sich eben nicht alles merken….

RA Müller

Advertisements

2 Kommentare

  1. Wird man da als Anwalt nicht manchmal zornig?


  2. Das soll in der Tat schon vorgekommen sein. Bisweilen könnte man in die Tischkante beißen…
    Es ist dann allerdings besonders erfreulich, in solchen Verfahren zu obsiegen 🙂



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: