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Wie genau schauen Inkasso-Anwälte hin?

Januar 30, 2012

Bisweilen fragt man sich, wie bemüht einige Inkasso-Anwälte wegschauen hinschauen, wenn es um die Begründetheit der geltend gemachten Forderungen geht.

Zumindest auf dem Papier werden viele ganz genau hinschauen, denn sonst droht laut der Niedersächsischen Finanzgerichtsbarkeit die Gewerbesteuerpflicht, da eine „berufstypische anwaltliche Tätigkeit“ nur vorliegen soll, wenn jede einzelne Forderung in rechtlicher Hinsicht geprüft wird (vgl den Beitrag hier).

Der gegnerische Kollege vertritt in zahlreichen Inkassoverfahren eine eher dubiose Firma, die Telefondienstleistungen anbietet.

Mein Mandant ist sich sicher, entsprechende Leistungen nicht in Anspruch genommen zu haben. Also hatte mein Mandant die dubiose Firma aufgefordert, die Forderung zu belegen, woraufhin die Erwiderung erfolgte, daß die Forderung „auf einen bestellten Dienst“ zurückzuführen sein könne.

Aha, so ganz sicher war sich die Gegenseite also selbst nicht?

Anstatt nun den geordneten Rückzug anzutreten, beauftragt die Firma den gegnerischen Kollegen mit dem Forderungseinzug. Nachdem dieser meinem Mandanten ein „kostspieliges“ Mahnverfahren in Aussicht gestellt hatte, habe ich für meinen Mandanten erneut um die Übersendung aussagekräftiger Belege für die Forderung gebeten.

Die Erwiderung ließ einige Monate auf sich warten: Schließlich forderte der gegnerische Kollege, daß mein Mandant nun aber bitte unverzüglich zahlen möge. Es liege schließlich ein rechtskräftiger Vollstreckungsbescheid gegen Herrn XY vor.

Dumm nur, daß es sich bei Herrn XY nicht um meinen Mandanten handelt und ihm Herr XY nicht einmal bekannt ist.

Da ist bestimmt die Akte verwechselt worden“, dachte ich mir und teilte dies dem gegnerischen Kollegen mit.

Es vergingen wieder einige Monate.

Nun fühlte sich der gegnerische Kollege gehalten, mir schriftlich mitzuteilen, daß er die „Zwangsvollstreckung oder Pfändung“ prüfen werde, da er mich „trotz mehrfacher Mahnungen oder Anrufe“ nicht zu einer Zahlung bewegen konnte. Da gegen Herrn XY auch ein rechtskräftiger Titel vorliege, könne ich hiergegen keine Einwendungen mehr erheben.

Abgesehen davon, daß der Kollege hier nicht ein einziges Mal angerufen hat und er wohl kaum eine Zahlung von mir verlangt, ist es bemerkenswert, daß er sich auch weiterhin auf einen Titel bezieht, der sich nicht gegen meinen Mandanten richtet.

Bisweilen ist es, als würde man gegen eine Wand reden. Von einer Einzelfallprüfung kann hier wahrlich nicht gesprochen werden. Der gegnerische Kollege scheint die Forderung nicht einmal zu prüfen, wenn konkrete Einwände vorgetragen werden.

Ich zeige mich gespannt, ob er aus dem Vollstreckungsbescheid nun gegen mich, meinen Mandanten oder Herrn XY die Vollstreckung versuchen wird.

RA Müller

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7 Kommentare

  1. Es gibt auch in meiner Vergangenheit Momente, in denen ich verzweifelt überlegt habe „Was geht im Kopf meines Gegenüber vor? Hat er mir überhaupt zugehört.“
    Vielleicht ist aber tatsächlich nur ein Teil der Korrespondenz fehlgeleitet (in jedem möglichen Sinne) worden?


  2. Aus Verbraucher-/Mandantensicht kein Grund zur Beunruhigung. Abgesehen davon, dass in Ihrem Fall tatsächlich keine Grundlage für die Forderung vorzuliegen scheint, ziehen laut Zeitschrift c’t Inkassobüros und -anwälte i.d.R. nie vor ein Gericht. Wahrscheinlich wissen diese, dass die Aussichten eher… bescheiden sind.

    Die Forderung gegen einen fremden Gläubiger scheint mir zudem ein Problem des Datenschutzes zu sein, hier wurde also nicht mit ausreichender Sorgfalt gearbeitet. Warum nicht Herrn XY ansprechen, er solle diesbezüglich aktiv zu werden?


  3. Und warum zecken Sie den Kollegen nicht wegen Gewerbesteuer beim Finanzamt an? Der hat es doch wahrlich verdient. Angefangen vom Mist, den er baut über den fehlenden Datenschutz, bis hin zur Tatsache, daß er dubiose Mandanten hat.

    Ach, ich vergaß: der Standesdünkel. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Sind ja alles „Kollegen“.


    • Und was hätte der Mandant davon?
      Nüscht 🙂


  4. @Tante Hilde: Ob es „Kollegen“ sind, ist ja eigentlich die Frage, zumindest, wenn man nach der Rechtsprechung der Niedersächsischen Finanzgerichtsbarkeit geht. Danach hätte er ja zumindest nicht als Rechtsanwalt gehandelt… Außerdem ist Kollegialität sicherlich richtig und zum Teil durchaus sinnvoll – auch diese hat aber Grenzen, die wohl bei Inkasso-„Anwälten“ eher schneller erreicht sein dürften…

    Mit der Kollegialität ist das eh so eine Sache. Man erlebt eigentlich beides, was sicherlich auch mit der Anwaltsschwemme zu tun hat. Das geht von vollständiger Unkollegialität (abwerben von Mandanten während eines laufenden Verfahrens mit in der Regel eher unseriösen Versprechungen) bis hin zu überzogener Rücksichtnahme (Nicht-Beantragung von Versäumnisurteilen bei anwaltlich vertretenem Gegner, obwohl sich der gegnerische Anwalt für seine Abwesenheit nicht entschuldigt hat).

    Zum Glück bin ich in der Position, mir das Ganze (zum Teil kopfschüttelnd) anschauen zu können…


  5. […] […]


  6. Das Vorgehen Ihres Kollegen nenne ich „wirtschaftliches Arbeiten“. Null Ahnung, nix lesen, Formschreiben raushauen, abwarten. Wenn 1% der abgezockten Opfer entnervt zahlt, ergibt sich vermutlich ein Porsche, Ballermann auf Malle und später ein hübscher Korsakoff. 😉



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