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Wie man sich bei Gericht nicht verhalten sollte

Februar 8, 2012

Vor einiger Zeit verzögerte sich die Strafverhandlung meines Mandanten deutlich, so daß ich als „Öffentlichkeit“ der davor verhandelten Strafsache beiwohnte.

Der dortige Angeklagte war bemüht, sich in langen Ausführungen als absolut friedfertige Person darzustellen, die „keiner Spinne etwas antun“ würde. Überhaupt stelle er geradezu ein Musterbeispiel an Höflichkeit dar und verhalte sich anderen Personen gegenüber stets mit dem gebotenen Respekt.

Angeklagt war er wegen einer Tätlichkeit, in deren Rahmen er geradezu „ausgeflippt“ sein sollte, so daß seine Einlassung also das Gericht überzeugen sollte, daß ihm solch ein Verhalten nun gar nicht lag.

Dieses Bemühen des Angeklagten war allerdings davon gekennzeichnet, dem Richter, der Staatsanwältin und auch den Zeugen mit unschöner Regelmäßigkeit ins Wort zu fallen. Auch die mit zunehmendem Nachdruck erfolgten Ermahnungen des Gerichts konnten den Angeklagten nicht bremsen. Selbst die Androhung eines Ordnungsgeldes durch das Gericht wegen seiner ständigen Unterbrechungen unterbrach der Angeklagte noch, so daß das Gericht schließlich derart laut wurde, daß – wie mir später berichtet wurde – auf dem Gerichtsflur Wartende erschraken.

Es versteht sich von selbst, daß sich der Angeklagte mit diesem Auftritt keinen Gefallen getan hat. Unwillkürlich fragt man sich, ob der Angeklagte seine Vorstellung, wie man sich bei Gericht verhält, einer der unsäglichen Gerichtsshows des „Bildungsfernsehens“ entnommen hat. Dorthin hätte ein solches Verhalten vielleicht gepaßt.

RA Müller

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8 Kommentare

  1. Im Wort Bildungsfernsehen ist ja bildungsfern bereits enthalten.


    • Das klingt nach einem tauglichen Erklärungsansatz!


  2. Selbst bei Salesh werden bei Ins-Wort-Fallen Ordnungsgelder verhängt ^^


  3. @ RA Munziger: YMMD


  4. Kaufe ein „n“ und schicke es hinterher …


  5. Ich war Zeuge/Geschädigter in der Verhandlung (Quelle: Elbe-Jeetzel-Zeitung) :

    Lokales
    Angeklagter provozierte Ordnungshaft
    Gerichtsvollzieher aus der Wohnung geschoben – »Gericht bekommt keinen Cent»
    fk Dannenberg. Der Angeklagte vor dem Dannenberger Amtsrichter war sich einen letzten heldenhaften Kampf schuldig. Keinen Cent bekomme das Gericht von ihm, erklärte er, vermeintlich unbeugsam.

    »Na los, stecken Sie mich schon ins Gefängnis», forderte er den Richter auf. Das habe der doch sowieso von Anfang an gewollt. Noch während der Urteilsverkündung stand er auf und wollte den Gerichtssaal verlassen. Immer wieder unterbrach er den Richter. Das brachte ihm fünf Tage extra, als Ordnungshaft. Von weit genug unten auf der sozialen Stufenleiter sehen »die da oben» alle aus, als hätten sie sich verschworen. Das gilt für Richter und Staatsanwälte sowieso, auch für Polizisten und – wie in diesem Fall – Gerichtsvollzieher. Der tauchte im März in der Wohnung des Angeklagten in Bergen auf. Die Pfändung war angekündigt, das Finanzamt ließ Schulden eintreiben. Der Beamte durfte nach eigener Darstellung die Wohnung zwar betreten. Dort bestritt der Wohnungsinhaber jedoch, dem Finanzamt was schuldig zu sen. Ein Telefonat mit der Finanzbehörde kam nicht zustande. Die Pfändung sollte daher ihren Lauf nehmen. Aber die Dinge, auf die der Gerichtsvollzieher seine Pfändungsmarke kleben wollte, wurden ihm vom Wohnungsinhaber weggenommen. Schließlich sei er durch den Flur zur Wohnungstür geschoben worden und draußen auf dem Flur »zum Liegen gekommen». Auch vor Gericht behauptete der Angeklagte noch, keine Schulden zu haben. Einen Beleg konnte er dafür nicht vorweisen. Und auch der Gerichtsvollzieher hatte am nächsten Tag beim Finanzamt erfahren, dass sehr wohl noch Schulden bestanden. Der Vollstreckungsbeamte beschrieb seinen Auftritt als ruhig. Immerhin habe er das Telefonat vorgeschlagen und dafür sein Telefon zur Verfügung gestellt. Auch will er vor Gericht nicht behaupten, durch einen Schubser zu Fall gekommen zu sein. Er könnte auch einfach über die Türschwelle gestolpert sein. Während er sich also als harmlos sah, war er in den Augen des Angeklagten ein Vertreter der Obrigkeit, arrogant, herrisch, anmaßend. Es sei ihm egal, ob die Schuldenfrage geklärt sei oder nicht, er nehme jetzt die Sachen mit, habe der Beamte erklärt und mit der Polizei gedroht. So stellte der Angeklagte den Gerichtsvollzieher dar. Daraufhin habe er, der Wohnungsbesitzer, den Beamten aufgefordert, die Wohnung zu verlassen, selbstverständlich ohne ihn zu »packen», wie der Gerichtsvollzieher den Vorgang beschrieb. Ohnehin war der Angeklagte seinen Aussagen nach eine Person von großer Redlichkeit. Bevor er ins Gefängnis ging für eine frühere Straftat, sei es ihm wichtig gewesen, die Frage seiner Schulden beim Finanzamt zu klären Aus diesem Gefängnis-aufenthalt habe er gelernt, versicherte er dem Richter. Unverändert blieb bei diesem Lerneffekt offensichtlich die Sich auf die Welt als Verschwörung gegen sich. Die Ankündigung »dann gehe ich eben ins Gefängnis» sollte Entschlossenheit, Coolness und Stärke beim Abgang demonstrieren. Das Gegenteil sprühte aus allen Knopflöchern. 80 Tagessätze zu je zehn Euro, zuzüglich die fünf Tage Ordnungshaft – mit diesem Urteil beendete der Richter den Auftritt. Gegen die Vollstreckung hätte der Angeklagte alle Rechte in Anspruch nehmen können, nachher. Erst einmal war die »Vollstreckungshandlung» aber zu dulden.


  6. Tja, falsche Familie im Hintergrund… (einfach mal eine Verhandlung gegen M.-Clan-Angehörige in Bremen besuchen (wenn man mutig genug ist) und lernen… dort drängt sich das Gefühl auf, andere hätten den Vorsitz)


  7. „Von weit genug unten auf der sozialen Stufenleiter sehen »die da oben» alle aus, als hätten sie sich verschworen.“

    Da muss man gar nicht auf Leitern steigen, das geht wohl den meisten „normalen“ Menschen so – Laien wie mir also, die allenfalls zweimal in zehn Jahren eine juristische Auseinandersetzung „live“ erleben. Man fühlt sich, als müßte man die Regeln sinngemäß verstehen, aber die Reden klingen wie eine Programmiersprache.

    Ein Grund für die anhaltende Beliebtheit der bei Profis verrufenen Reality-Gerichtsshows bei den ungewaschenen auch-Akademiker-Massen ist wohl, dass sie den Laien ein gewisses (falsches?) Gefühl der Stärke vermitteln. Wie RA Müller schreibt, war das Verhalten des Angeklagten gemessen an TV-Standarts ja akzeptabel. 😉 Meine natürlichen Sympathien gehören natürlich erstmal den Schwachen und heroischen Einzelkämpfern gegen die (leider nicht nur) Windmühlen bürokratischer Mächte – egal wie hirnrissig die gewählte Strategie.

    „Auch vor Gericht behauptete der Angeklagte noch, keine Schulden zu haben. Einen Beleg konnte er dafür nicht vorweisen.“

    Kann ich auch nicht… 😉



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