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„Sie kenne ich doch?“

März 22, 2012

Die potentielle Mandantin suchte mich auf und teilte mir mit, daß ihr Sohn vor vier Jahren angegriffen und verletzt worden sei. Durch zwei Instanzen sei das damals gegangen und niemand habe ihrem Sohn geglaubt, obwohl sie doch für ihren Sohn als Zeugin ausgesagt habe.

Erst gestern habe sie genau so einen Fall im Fernsehen gesehen. Das lasse ihr einfach keine Ruhe. Gerechtigkeit gebe es in dieser Welt wohl nicht mehr. Ich sei jetzt ihre letzte Hoffnung, das Blatt noch zu wenden. Sie habe gehört, daß ich ein guter Anwalt sei. Ich müsse das doch irgendwie hinbekommen. Ob ich nicht dafür sorgen könne, daß ihr Sohn doch noch zu seinem Recht komme.

Ich konnte mich während dieser Schilderung des Eindrucks nicht erwehren, die potentielle Mandantin zu kennen, so daß ich sie zunächst fragte, ob ich sie schon einmal in anderer Sache vertreten hatte. Die Antwort fiel dann allerdings erwartungswidrig aus:

„Nein, nein, Sie haben mich noch nicht vertreten. Sie haben aber damals den Mann vertreten, der meinen Sohn geschlagen hat und der dann freigesprochen worden ist. Sie sind gut. Sie müssen da doch etwas machen können.“

Da konnte  ich nicht nur etwas unternehmen, da mußte ich sogar etwas unternehmen: Nämlich der potentiellen Mandantin Besucherin mitteilen, daß ich in dieser Sache ganz gewiß nicht der richtige Ansprechpartner für sie bin.

RA Müller

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6 Kommentare

  1. Interessant, wie Sie den zeitlichen Ablauf darstellen:
    „potentiellen Mandantin“ -> „Besucherin“

    Das war auch eine bemerkenswerte Überlegung Ihrer Besucherin, den „Feind“ zum Verbündeten machen.


  2. Noch eine Frage: Wäre es eigentlich rechtlich möglich gewesen, die Dame zu vertreten?


    • Das wäre wohl nicht nur standeswidrig, sondern auch strafbar gewesen, selbst wenn die Tätigkeit auf der einen Seite die Strafsache, auf der anderen die Zivilsache betroffen hätte. Es hätte sich schließlich um denselben Lebenssachverhalt gehandelt. Es ist auch nicht von Bedeutung, ob das vorherige Mandat längst abgeschlossen ist.


  3. Aber besser, als wenn die Dame zu Ihnen gekommen wäre mit den Worten: „Sie sind das Schwein, das dem Schläger zum Freispruch verholfen hat!“
    Also immerhin hat sie verstanden, dass man einen Anwalt nicht mit seinem Mandanten gleichsetzen darf.


    • Das hat sie danach noch sehr deutlich zu verstehen gegeben. Ich sei ja nicht ihr Feind. Ich würde ja auch nur meinen Mandanten vertreten haben etc.
      Ich gebe zu, dieses Verständnis hatte mich angesichts der darüber hinaus vorhandenen Emotionalität durchaus überrascht.


  4. Sagt man nicht: Wenn Du den „Feind“ nicht schlagen kannst, dann mache ihn zu Deinen verbündeten – so oder so ähnlich! Aber irgendwie finde ich das echt frech von der Besucherin! Aber man sagt ja auch: Frech kommt weiter!



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