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Recht im Internet 2 – Zu wenige Gebote? Abbruch! ABBRUCH!

April 27, 2012

Nachdem nun nach dem ersten Beitrag geklärt ist, daß es sich bei einer eBay-Auktion um einen Vertrag handelt, der mit dem Höchstbietenden zustande kommen soll, stellen Sie sich bitte den folgenden Fall vor:

Sie stellen einen Artikel im Wert von mehreren Tausend Euro ein. Die Auktion beginnt bei einem Euro und neigt sich nun ihrem Ende entgegen. Geboten wurde nur ein vergleichsweise mickriger Betrag. eBay gibt dem Verkäufer nun die Möglichkeit, die Auktion vorzeitig zu beenden. Sind Sie damit aus dem Schneider (und der aktuell Höchstbietende ein Schnäppchen ärmer)?

So dachte es sich jedenfalls der Verkäufer eines Wohnmobiles im Wert von ca. 2.000,- €, bei dem das Höchstgebot bei gerade einmal 56,- € lag (LG Dettmold Urteil v. 22.02.2012 – 10 S 163/11, vgl. den Beitrag hier). Ähnlich verfuhr der Verkäufer eines Pkws (Zeitwert 12.000,- €), der das Höchstgebot von knapp 4.500,- € vermutlich ebenfalls ernüchternd fand (OLG Oldenburg Urteil v. 28.07.2005 – 8 U 93/05). Noch deutlicher verkalkuliert hatte sich der Verkäufer eines Rübenroders (Zeitwert: 60.000,- €), bei dem das Höchstgebot bei nur 51,- € lag (OLG Köln, Urteil v. 08.12.2006 – 19 U 109/06).

In all diesen Fällen zog der Verkäufer die vermeintliche Reißleine und brach die Auktion ab. 

Spontane Ernüchterung wird dann die Rechtsprechung beschwert haben. So befanden die Gerichte, daß der Vertrag mit demjenigen zustande gekommen war, der bei Abbruch der Auktion Höchstbietender war.

Hierzu etwa das LG Dettmold:

„Zu berücksichtigen sind vielmehr die Umstände des Einzelfalls. Diese aber rechtfertigen bei Internetgeschäften der vorliegenden Art auch bei einem groben Missverhältnis von Preis und Leistung nicht ohne Weiteres den Rückschluss auf eine verwerfliche Gesinnung des Käufers bzw. auf ein Ausnutzen einer Schwäche des Verkäufers. Denn der Teilnehmer einer Internetauktion ist sich regelmäßig bewusst, dass die Ermittlung der Höhe der Gegenleistung von anderen Faktoren als allein dem üblichen Marktwert eines Artikels abhängt. Die Erwartung des Verkäufers, durch geschicktes Einstellen eines Artikels ein möglicherweise besonders gutes Geschäft zu machen, und demgegenüber die Vorstellung des Bieters, im richtigen Moment zu einem besonders günstigen „Schnäppchen” zu kommen, gehören geradezu zum Wesen einer derartigen Vertragsanbahnung. Dem widerspräche aber, wenn bei der Wahl einer solchen Verkaufsplattform die Präsentation eines Artikels nur dann verbindlich sein soll, wenn auch ein „angemessener” Preis erzielt wird.“

Auch den Einwand des Rechtsmißbrauchs („Sie können doch nicht erwartem daß ich den Artikel zu DIESEM niedrigen Preis verkaufe?!“) wies das LG zurück:

„Die Beklagte hat die Auktion bereits am nächsten Tag abgebrochen. Durch die vorzeitige Beendigung hat sie sich selbst der Gefahr ausgesetzt, dass gerade ein solches Missverhältnis zwischen Preis und Leistung entstehen kann. Wäre die Auktion bis zum regulären Ende betrieben worden, wäre möglicherweise ein höherer Preis erzielt worden. Ließe man den Einwand des Rechtsmissbrauchs zu, so wäre grundsätzlich jeder Anbieter berechtigt, die Auktion vorzeitig zu beenden (auch wenn hierfür kein Grund vorliegt), wenn das Höchstgebot zu diesem Zeitpunkt deutlich hinter dem wirtschaftlichen Wert der Sache zurückbliebe. Das wird jedoch den spezifischen Besonderheiten einer Internetauktion in keiner Weise gerecht.“

Ähnlich das LG Oldenburg:

„Besonderheiten von Internetauktionen erfordern die Unwiderruflichkeit der Vertragsangebote; der Bieter wäre der Willkür des Anbieters ausgesetzt, wenn dieser es sich jederzeit überlegen könnte, ob er ein Angebot gelten lassen will oder nicht (vgl. KG NJW 2005, 1053; LG Berlin NJW 2004, 2831 f.). Auch die eBayGrundsätze für das vorzeitige Beenden von Angeboten und das Streichen von Geboten, auf die sich der Beklagte beruft, betonen ausdrücklich, dass alle bei eBay eingestellten Artikel grundsätzlich verbindliche Angebote sind und dass nur in Ausnahmefällen eine Auktion vorzeitig beendet werden darf.“

Im Fall des Rübenroder-Verkaufs wollte sich der Verkäufer damit behelfen, daß er den 60.000,- € teuren Rübenroder an einen Dritten veräußerte, ihn dem Höchstbieter also nicht mehr für 51,- € aushändigen mußte. Dafür „durfte“ er dem Höchstbieter dann allerdings Schadensersatz von 59.949,- € leisten…

RA Müller

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14 Kommentare

  1. Warum bitten die nicht einen Freund zur Not einen halbwegs fairen Betrag zu bieten. Dann fallen doch nur die ebay-Gebühren an, oder?
    (ich habe übrigens bei ebay noch nie etwas VERkauft, und wenn dann würde ich einen geeigneten Mindestbetrag einsetzen)


    • Vermutlich ist die – faktische – Möglichkeit, die Auktion abzubrechen, zu verlockend, zumal sich die Betroffenen keine (bzw. falsche) Vorstellungen über die Rechtsfolge machten.


  2. Dieser BLOG ist unterhaltsam UND informativ! Danke dafür.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie blauäugig sich viele Nutzer im Internet verhalten.
    Ich war öfter auf Präsenz-Auktionen. Ich stelle mir gerade vor, der Eigentümer einer zu versteigernden Sache würde nach einigen Geboten die Auktion abbrechen. Das würde sicher in einem Tumult enden?


    • Das ist in der Tat eine interessante Vorstellung, zumindest wenn man sich in den hinteren Reihen und damit tumultfern aufhält 😉


  3. […] [Siehe auch: Recht im Internet Teil 1 und Recht im Internet Teil 2] […]


  4. Bei Gegenständen, die nach der Auktion noch vorhanden sind, kann man ja auf Herausgabe klagen oder auf Schadenersatz. Aber wie sähe es denn aus, wenn beispielsweise ein Ticket für ein Fußballspiel oder eine Konzertkarte hätte verkauft werden sollen? Die Auktion wird abgebrochen und das Konzert oder Fußballspiel findet statt, vielleicht mit einem, wenn man anderweitig noch eine Karte bekommen. Aber wahrscheinlich ohne einen. Was macht man dann?


    • Die Eintrittskarte wird einen Marktwert gehabt haben. Soweit man diesen Marktwert bestimmen kann, hatte man in dieser Höhe (abzgl. des Auktions-Preises) einen Schaden. Der Schaden wird nicht geringer dadurch, daß das Ereignis stattgefunden hat.


      • Aber ich hätte nur dann einen Schaden, wenn ich mir auf anderweitigem Wege eine karte besorgt hätte, oder nicht? Sprich, wenn ich dann nicht hingegangen bin, habe ich auch keinen Schaden, oder?


        • Liegt nicht in dem Moment, in dem mir die Karte als Vermögenswert fehlt, ein Schaden vor? Der Zeitablauf bis zur Realisierung des Schadensersatzanspruches dürfte dann keine Rolle spielen. Sonst wären Einwände wie „Das Auto wäre doch aufgrund des Zeitablaufs jetzt ohnehin weniger wert“ etc. vorprogrammiert.

          Der Artikel hatte damals einen Marktwert, den ich (durch Verkauf oder durch Teilnahme an einem Event) nicht realisieren konnte.


  5. […] auch die vorherigen Beiträge Recht im Internet Teil 1, Teil 2 und Teil […]


  6. […] 1), daß der vorzeitige Abbruch einer eBay-Auktion den Verkäufer teuer zu stehen kommen kann (Teil 2), daß der ungewollte Verkauf eines Plagiats ebenso teuer werden kann (Teil 3) und daß der […]


  7. Das ist nicht mehr als Recht,es kann ja nicht sein,dass der Verkäufer machen kann was er will und die Käufer sind die Dummen,ich möchte mal ein Verkäufer sehen, wo ein Bieter für ein Handy wo einen Marktwert von 600 Euro hat und der Bieter 750 Euro bietet und nach der Auktion plötzlich sagt Oh sorry ich hätte nicht gedacht dass das Handy so hoch beboten wird das möchte ich aber nicht bezahlen,der würde auch auf den Vertrag bestehen was auch so richtig wäre,es gibt im www jetzt Foren da treffen sich die Auktionsabbrecher und tragen ihr Leid vor,wie plötzlich Originalverpackte Handys plötzlich einen Totalschaden erleiden,diese Ausführungen sind mehr als merkwürdig und gehören bestraftso eine Seite ist zumbeispiel diese da treffen sich die Auktionsabbrecher,ich hoffe nur dass die Höchsbietenden Klage gegen soche Betrüger einreichen:http://www.kalliey.de/rechtsmissbrauch-ebay-auktion-vorzeitig-beendet-edgar-h-und-die-anwaelte-von-gk/12/2012/


  8. @Justizia

    Lächerlich was Du vorträgst, ganz ganz lächerlich. Da thematisch der verlinkte tatsächlich mit Betrug einhergehen könnte, aber sicher nicht durch den Verkäufer.


  9. Es gibt bei eBay übrigens die Möglichkeit, sich abgelaufene Auktionen anzeigen zu lassen, um im Vorfeld den ungefähren „eBay-Wert“ einer Ware abzuschätzen – Freunde der Kommandozeile hängen einfach „&LH_Complete=1“ an den URL-String an.

    Ich habe den Eindruck, ein höherer Startpreis zieht automatisch weniger Gebote (und natürlich mehr eBay-Gebühren) nach sich – 1 Euro Startpreis ist sexier als 10 oder 50.

    Ich vermute mal aus dem Bauch raus, dass gewiefte/verschlagene Profi-Verkäufer es im Notfall machen wie im ersten Kommentar beschrieben – ein dem Verkäufer Wohlgesonnener (wenn nicht gar er selbst unter einem Alias) leistet mit einem Höchstgebot Hilfestellung. Dazu muss die Auktion aber nicht abgebrochen werden, sondern kann ganz normal über die Bühne gehen.

    Bisher habe ich 1x einen Abbruch erlebt, bei dem ich als Nur-Mitbieter leider nicht erfahren habe, wie es weitergegangen ist.



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