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Das Jura-Studium – Unmotivierend? Praxisfern? Düstere Aussichten?

Juni 29, 2012

Unter dem Titel „Nichts zu lachen“ wird hier kurz davon berichtet, daß Jura-Studenten sich mit unerfreulichen Aussichten plagen müssen: Im Studium werde gnadenlos ausgesiebt, es werde mehr Wert auf das Memorisieren von Paragraphen als auf das Verstehen von Zusammenhängen gelegt und dann folge ein regelmäßig ernüchternder Einstieg in das Berufsleben. Auch an anderer Stelle wird etwa die unmotivierende Notengebung oder das „Problemdenken“ der Jurastudenten, pardon, -studierenden beklagt.

Gar so finster sollte man die Situation nicht sehen. Ich erinnere mich – auch im Hinblick auf meine spätere Berufswahl – gerne an mein Studium.

Ja, Jura ist kein Studiengang, in dem man – ganz anders als in einigen anderen Studienfächern – mit den Noten „gut“ oder gar „sehr gut“ überhäuft wird. Auch gibt es eine nennenswerte Anzahl an Studierenden, die das Studium abbrechen oder im Examen durchfallen.

 Auch die zu bewältigende Stoffmenge ist riesig, so daß man anfänglich noch mit reichlich Fragezeichen durch die juristische Landschaft tappen wird. Diese werden sich auch nie ganz geben. Jura ist kein Fach, in dem man irgendwann „ausgelernt“ hat.

Genau das ist allerdings auch ein Vorteil der Juristerei.

Jura ist vielseitig. Das juristische Studium ist so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Studiengänge. Wird auch bisweilen gerügt, daß das Studium eine stärkere Schwerpunktbildung ermöglichen sollte, so ist doch auf der anderen Seite festzuhalten, daß man sich bis zum Zweiten Staatsexamen selten Wege „verbauen“ wird. Entsprechende Noten vorausgesetzt stehen alle Türen offen.

Das Jura-Studium vermittelt zudem Methodik. Zu einem wesentlichen Teil wird das Auslegen von Gesetzen und Urteilen vermittelt. Kein Jurist muß alle Vorschriften auswendig kennen. Das wäre auch völlig illusorisch. Er muß stattdessen Zusammenhänge erkennen, Gesetze auslegen und die ihm aus anderen Konstellationen bekannten Argumente auf den zu behandelnden Fall übertragen. Es gilt, Argumente zu finden und abzuwägen.

Aus meiner Sicht war das Herzstück der juristischen Ausbildung übrigens das Referendariat. Das trockene Wissen wich der lebendigen Praxis: Kontakt mit Mandanten, Wahrnehmung von Gerichtsterminen, Sitzungsvertretung für die Staatsanwaltschaft etc.

Wenn auch nicht alles im Studium eitel Sonnenschein war und es sicherlich an so mancher Stelle Verbesserungsbedarf gibt, so ziehe ich unter mein Studium rückblickend einen positiven Schlußstrich.

RA Müller

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4 Kommentare

  1. Im Prinzip vollkommen richtig, Aber das gnadenlose Selektieren ist tatsächlich etwas, was besorgniserregend ist.

    So wurde bei uns letztes Semester ein Fall des ETI im Strafrecht AT abgefragt, der just in 90 Minuten nicht gelöst werden konnte, trotz guter Schwerpunktsetzung und ausgelerntes Definitionen – Ergebnis dieses Desasters: >80% Durchfallquote und das im bei Anfängern – das Problem daran ? Eine Klausur darf nach deren Studienordnung 1x wiederholt werden und gilt bei erneutem Durchfallen als endgültig nicht bestanden.

    Auch ist es irgendwie doch ein wenig lächerlich das das Notenspektrum eben in voller Bandbreite genutzt wird – sondern
    selbst unter bester Vorbereitung allenfalls 14 Punkte drin sind.
    Ich jedenfalls gehe die Wette ein, dass selbst ein habilitierter Jurist keine 18 Punkte erreichen würde – wenn er die Klausur mitschreiben würde.

    Unter dem Strich kann ich nur sagen – Mir ist dank unserer Profs. die uns regelmäßig von der Juristenschwemme und den etwas über 1000€ Durchschnittsgehalt bei Anfängern berichten, völlig bewusst, dass ich wohl als Jurist nicht reich werde – Aber mir macht bereits das Studium Spaß und ich lasse mich nicht durch Panikmache von meinem Ziel abbringen – Wer auf das Geld aus ist, ist mit Medizin wohl derzeit besser dran 🙂


    • Ja, Klausuren haben immer auch etwas mit Glück zu tun. Auch ist es wirklich unschön, daß man nach jahrelangem Studium noch durch das Examen fallen kann.
      Wollte man das nicht mit der Zwischenprüfung (gab es bei mir noch nicht) abfangen, damit jene Studierenden, die keine Neigung für das Fach haben, es zumindest rechtzeitig merken?


  2. […] Harte Thesen! Deshalb kommentiert auch gleich Kollege Müller von “Kanzlei und Recht” dagegen. In der Sache auch völlig zu Recht, nur ist der Kollege Müller hier einem […]


  3. Also ich kann da Thomas B. nur zustimmen: Etwas „Aussieben“ ist sicherlich notwendig, bei der Flut von Interessenten, welche sich etwas ganz anderes unter dem Juristen-Dasein vorgestellt haben. Dennoch sollte man doch zumindest das ganze Notenspektrum nutzen…
    Problem der ganzen Sache ist, dass gerade mit der Examensprüfung – ein Bekannter von mir ist vor kurzem durch die letzte Prüfung durchgefallen und steht kurz vorm Abgrund – am Ende des Studiums noch so stark ausgesiebt wird, obwohl das eigentlich nicht mehr notwendig wäre. Ich bin der Meinung, dass das stumpfe Reproduzieren von Paragraphen nicht über die Zukunft fleißiger Studenten entscheiden sollte…
    Ich habe zum Glück innerhalb kurzer Zeit merken können, dass Jura nicht meine Welt ist und in einen anderen Studiengang gewechselt.



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