h1

Der Zeuge, das unbekannte Wesen

September 3, 2012

Gerade in Strafverfahren gelangt man immer wieder zu der Erkenntnis, daß sich Zeugenaussagen erst dann wirklich beurteilen lassen, wenn man einen Zeugen selbst erlebt hat und ihn befragen konnte. Zwar ist der Zeuge regelmäßig zuvor von der Polizei vernommen worden. Auch liegt einem dann das entsprechende Vernehmungsprotokoll vor. Aber dennoch erlebt man nicht selten eine Überraschung, wenn der Zeuge später im Gerichtssaal seine Aussage tätigt.

In einem Strafverfahren war meinem Mandanten vorgehalten worden, daß er einen Zeugen in dessen Büro aufgesucht und ihm dort dieses und jenes erzählt habe, welches den nunmehrigen Behauptungen des Mandanten widersprach. Damit seien diese Angaben als „Schutzbehauptungen“ entlarvt.

In der Ermittlungsakte fand sich die schriftliche Aussage des Zeugen, in welcher er bestätigte, daß Herr XY (= mein Mandant) diese Aussagen in seinem Büro getätigt hatte.

Mein Mandant schilderte mir, daß der Zeuge die Unwahrheit sagte. Er sei nie bei dem Zeugen im Büro gewesen. Stattdessen habe er bei einer Gelegenheit mit dem Zeugen telefoniert, ohne allerdings diese Aussagen zu tätigen.

Aufgrund der Zeugenaussage erhielt mein Mandant einen Strafbefehl und bat mich, hiergegen Einspruch einzulegen. Zwar mußte er damit rechnen, daß es bei der Verurteilung bleiben würde, wenn der Zeuge auch in der Verhandlung entsprechend aussagen würde. Er wollte sich jedoch später nicht vorwerfen lassen müssen, den Strafbefehl einfach hingenommen zu haben.

In der Hauptverhandlung bestätigte der Zeuge, daß die Aussagen genau so wie er es bereits der Polizei gesagt habe in seinem Büro getätigt worden waren. Die Person, die sich als Herr XY vorgestellt habe, sei auch ganz sicher in seinem Büro gewesen und habe ihn nicht lediglich angerufen.

Die Überraschung erfolgte dann auf die Frage, ob es denn auch sicher der Angeklagte war, der ihn aufgesucht hatte. Der Zeuge stutzte, musterte meinen Mandanten und bekundete dann, daß es sich eher nicht um den Angeklagten gehandelt habe. Den damaligen Besucher habe er anders in Erinnerung. Er habe auch eine Vermutung, wer es gewesen sen könne, wolle diese aber hier nicht unbedingt äußern…

Mit dieser Erklärung hatte wohl niemand gerechnet. Sie führte letztlich zur Einstellung des Verfahrens.

RA Müller

Advertisements

2 Kommentare

  1. „Einstellung des Verfahrens“.

    Es gab sicherlich Gründe dafür, warum diese Wende nicht zum Freispruch und zur Übernahme der Verteidiger-Kosten durch die Landeskasse führte.


    • Selbstverständlich gab es gute Gründe dafür, die allerdings eine Schilderung erfordern würden, die den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Zudem besteht kein Zusammenhang mit der vorstehend dargestellten Zeugenaussage.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: