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Die Sache mit den Zwillingen

Oktober 24, 2012

Es handelte sich um ein Bußgeldverfahren wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung. Ein Fahrverbot stand im Raum.

Zunächst wandte sich die Bußgeldstelle an Person (A), an die das Fahrzeug vermietet worden war, mit welchem die Tat begangen worden war. (A) wies darauf hin, daß er einen Zwillingsbruder habe. Man sei die Strecke an dem Tattag nachweislich zweimal in kurzem Abstand gefahren. Bei einer Gelegenheit sei er gefahren, bei der zweiten Gelegenheit sein Zwillingsbruder (B).

Die Bußgeldstelle reagierte, forderte Paßbilder an und muß feststellen, daß die Betroffenen sich tatsächlich recht ähnlich sahen.

Also wurde nun (B) als Betroffener angehört. Auch er bekundete zum Verdruß der Behörde, nicht zu wissen, wer nun gerade bei dieser Fahrt am Steuer gesessen habe. Es könne sich ebensogut um ihn wie um (A) handeln.

Nun mag man einmal kurz in sich gehen und überlegen, was die Bußgeldstelle in dieser Situation wohl gemacht haben wird.

Überlegungen abgeschlossen?

Die Behörde hat einen Polizeibeamten zu (B) geschickt, wobei der Beamte dann – welch Wunder – festgestellt hat, daß (B) der Person auf dem Lichtbild ähnlich sieht. In der Folge erließ die Behörde gegen (B) einen Bußgeldbescheid (incl. Fahrverbot).

Man darf hieraus dann wohl den Schluß ziehen, daß der Bußgeldstelle eine 50:50-Chance ausreicht.

Nicht weiter verwundelrich dürfte sein, daß (B) hiergegen Einspruch eingelegt hat. Mittlerweile hat der Termin vor dem Amtsgericht stattgefunden. Ein Sachverständiger hat im Termin ein Kurzgutachten erstattet, wonach davon auszugehen ist, daß (A) gefahren ist, auch wenn sich die beiden Brüder ausgesprochen ähnlich sind.

Ergebnis:

(B) wurd freigesprochen. Die Verfahrenskosten trägt die Staatskasse. Wegen Verjährung hat (A) in dieser Sache nichts mehr zu befürchten.

RA Müller

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5 Kommentare

  1. Hätt ja klappen können… 🙂

    Habs schon erlebt, dass gegen die Mutter des fahrenden Sohnes ein Bußgeldbescheid erlassen worden ist, nachdem ein Beamter des örtlichen Ordnungsamtes festgestellt hatte, dass es sich bei dem fahrenden Sohn mutmaßlich um die Mutter handele.


  2. Ich LIEBE diese Gutachter, die völlig ahnungslos sind und sich für die Besten halten. Und GANZ TOLL finde ich die Richter, die dem dann folgen.

    Fakt ist doch, daß man auf einem typischen Blitzerfoto zwei Brüder (nicht einmal Zwillinge) regelmäßig kaum auseinanderhalten kann. Aber klar: die Gutachter können das. Weil sie es einfach können, Es wird erwartet, daß sie es können. Deswegen können sie es, zumindest glauben sie daran. Und deswegen bekommt man dann ein Gutachten.

    Weia.


    • Da gehen Sie mit den Gutachtern zu streng ins Gericht. Vorliegend war das Gutachten nicht nur ebenso interessant wie nachvollziehbar. Daneben wies später auch die Richterin darauf hin, daß sie vor der Gutachtenerstattung angesichts von (A) und (B) den Eindruck hatte, daß die falsche Person den Bußgeldbescheid erhalten hatte.


      • Vielleicht hat es DIESMAL mit dem Gutachter gepasst. Aber im Allgemeinen halten die sich für unfehlbar und sind es überhaupt nicht. Die Chance ein korrektes Gutachten zu bekommen dürften regelmäßig bei ca. 60-70% liegen. Ist zwar besser als Würfeln, aber nicht wirlich viel.


        • Vielleicht lassen sich solche Gutachter den vor einiger Zeit entschiedenen Haftungsfall eine Lehre sein, in dem ein Gutachter, der einen vermeintlichen Straftäter identifiziert zu haben meinte, zu einer merklichen Zahlung verurteilt worden ist, nachdem sich nach längerer Inhaftierung die Unschuld des Verurteilten ergeben hatte.



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