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Glauben und Wissen

November 5, 2012

Im Rahmen der Vernehmung des Zeugen durch das Gericht war bei mir der Eindruck entstanden, daß der Zeuge sich das von ihm als eigene „Wahrnehmung“ Geschilderte lediglich aus Vermutungen zusammengereimt hatte. Das kommt häufiger vor als man annehmen mag. Menschen denken in „Geschichten“, schließen also leicht auf kausale Zusammenhänge, ohne daß diese zwangsläufig vorliegen müssen.

Ich fragte den Zeugen also, inwieweit er sich denn – etwa im Hinblick auf eine zuvor dargestellte Schlagabfolge – an diese tatsächlich erinnerte und inwieweit es sich um bloße Schlußfolgerungen handelte, die er gezogen hatte.

Der Zeuge erwiderte, daß es sich nur so zugetragen haben könne wie er es geschildert habe. Das „müsse“ so wie dargestellt passiert sein. Anders könne er sich den Vorfall nicht erklären.

Diese Äußerung durfte man wohl dahingehend interpretieren, daß zumindest Teile der Aussage des Zeugen dessen Schlußfolgerungen wiedergaben. Auf diese – meine – Schlußfolgerung hin reagierte der Zeuge indes sichtlich ungehalten. Laut zeterte er, daß das doch eine Unverschämtheit sei. Ja, es sei meine Aufgabe als Verteidiger, meinen Mandanten zu schützen, aber doch nicht auf diese Weise. Was mir denn einfiele, seine Aussage in Zweifel zu ziehen!

Der Zeuge trieb seinen Protest so weit, daß er schließlich durch den Staatsanwalt zurechtgewiesen wurde. Er habe die im Übrigen durchaus sachdienlichen Fragen der Verteidigung zu beantworten.

Der letztlich verkündete Freispruch dürfte sich an dieser Stelle bereits abgezeichnet haben. Glaube mag Berge versetzen, eine Verurteilung sollte man darauf allerdings nicht stützen.

RA Müller

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