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Blindzitate

Februar 28, 2013

Ich vertrat in einem Zivilverfahren die Beklagten. Meine Mandanten sollten Schmerzensgeld zahlen. Der Kläger hatte aus meiner Sicht vergleichsweise astronomische Vorstellungen, welche sich angesichts der erlittenen Verletzungen nicht rechtfertigen ließen.

Der anwaltlich vertretene Gegner führte zur Begründung seines Schmerzensgeldbegehrens verschiedene Urteile an, in denen derartige Beträge zugesprochen worden seien. So habe er eine bleibende Narbe erlitten. Gericht X habe in einem vergleichbaren Fall zu Aktenzeichen YZ bei einer bleibenden Narbe ein Schmerzensgeld von 5.000,- € zugesprochen.

Machte man sich nun die Mühe, die von dem gegnerischen Kollegen genannte Entscheidung herauszusuchen, so mußte man feststellen, daß die Entscheidung derart unterschiedliche Sachverhalte betrafen, daß von einer Vergleichbarkeit keine Rede sein konnte.

  • In der Entscheidung lag der Verletzung – anders als hier – eine vorsätzliche Körperverletzung zugrunde.
  • Es verlieben – anders als hier – nicht eine sondern gleich mehrere Narben.
  • Die Narben befanden sich – anders als hier – nicht an einer unauffälligen Körperstelle sondern mitten im Gesicht.
  • Der dortige Kläger hatte – anders als hier – eine schwerwiegende Primärverletzung (Halsschlagader aufgerissen) erlitten.
  • Es erfolgte dort eine einmonatige stationäre Behandlung, hier hingegen gar keine stationäre Behandlung.

Anders als der Klägers es beabsichtigt hatte, zeigte die Entscheidung auf, daß der von ihm angesetzte Betrag deutlich überhöht war.

Ebenso verhielten sich die anderen von dem Kläger angeführten Gerichtsurteile, die sich sämtlichst auf Fälle bezogen, in denen die erlittenen Verletzungen erheblich schwerwiegender ausgefallen waren.

Man muß sich fragen, ob der Kläger die Entscheidungen überhaupt gelesen und wideres besseres Wissen angegeben oder einfach „blind“ auf die Entscheidungen verwiesen hatte. Beides sollte sich verbieten. Aber vielleicht sollte ich mich freuen: Es kann durchaus amüsant sein, wenn man den gegnerischen Vortrag „zerpflücken“ kann.

RA Müller

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3 Kommentare

  1. Man muß sich fragen, ob der Kläger die Entscheidungen (…) gelesen und wider besseren Wissens oder einfach “blind” auf die Entscheidungen verwiesen hatte. Beides sollte sich verbieten.

    /fixed
    …denn warum sollte es sich verbieten, die Entscheidungen zu lesen.


    • Stimmt, danke 🙂


    • Ich hab auch was gelernt, dafür ebenfalls danke. Aber ein „es“ zuviel hat sich trotzdem wieder eingeschlichen…



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