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„So etwas würde mein Freund nie tun“ – Der Beweiswert von Zeugenaussagen

März 1, 2013

Es hatte eine Schlägerei stattgefunden. Meinem Mandanten wurde vorgeworfen, diese begonnen zu haben. Bei einer Zeugin handelte es sich um die Freundin des Anzeigeerstatters.

Ich fragte also in der Hauptverhandlung besagte Zeugin, ob es auch sein könne, daß die ersten Handgreiflichkeiten von ihrem Freund ausgegangen seien. Die Zeugin erwiderte, daß das auf keinen Fall so gewesen sei. Sie habe den Vorfall selbst wahrgenommen. Und überhaupt würde ihr Freund „So etwas“ auch nie tun. Er sei „gar nicht der Typ dafür“.

Ihr Freund wußte indes wohl nicht, daß er nicht der Typ dafür ist, hatte er doch im Rahmen seiner eigenen Zeugenaussage unmittelbar zuvor eingeräumt, daß von ihm der erste körperliche Übergriff ausgegangen war…

Ich will der Zeugin gar nicht unterstellen, daß sie bewußt die Unwahrheit gesagt hat. Vielmehr zeigt dieser Vorfall, daß die menschliche Wahrnehmung höchst subjektiv ist. Bisweilen nimmt man Dinge nicht wahr, obgleich sie sich direkt im eigenen Blickfeld abgespielt haben, wobei man hinterher beschwören würde, daß ein solches Ereignis nicht stattgefunden hat, da man es andernfalls mit Sicherheit bemerkt hätte.

An dieser Stelle sei auf die interessanten Videos „Selective Attention Test“ und „The Monkey business illusion“ verwiesen, die man sich in dieser Reihenfolge besehen sollte.

Bei der Beweiswürdigung von – gerade belastenden – Zeugenaussagen befassen sich viele Richter nur damit, daß eine Aussage keine Belastungstendenzen aufgewiesen habe. Der Zeuge habe auch kein Motiv für eine Falschbelastung. Ein Zeuge kann sich indes auch täuschen. Eine solche Täuschung kann auch in Konstellationen vorliegen, in welchen man rückblickend davon ausgeht, daß der Zeuge bestimmte Ereignisse „wahrgenommen haben müßte“. Derartiges läßt sich leicht behaupten, Tatsächlich ist die Wahrnehmung indes derart vielen Faktoren unterworfen, daß solche Aussagen nur mit äußerster Zurückhaltung getätigt werden sollten.

RA Müller

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3 Kommentare

  1. Ich lese gerade: Kahneman: Schnelles Denken – langsames Denken. Ist zwar nicht fachbezogen auf Aussagepsychologie, kann aber das Thema abrunden.


    • Das Buch habe ich auch mit großem Interesse gelesen und kann mich der Empfehlung nur anschließen!


  2. Da gab es mal einen Aufmerksamkeitstest-Versuch vor einer Polizeischule mit einem fingierten KFZ-Unfall. Jede Aussage der Polizeischüler war unterschiedlich in der Wahrnehmungsaussage. Es ist am Ende nicht nur eine Frage, ob wir etwas gesehen haben, sondern eher die Frage, wie wir das Gesehene bewerten. Im Grunde genommen sind somit Zeugenaussagen keine Basis zur Wahrheitsfindung.



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