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Wer auspackt, ist selbst schuld (?)

April 5, 2013

Mein späterer Mandant war auf Vorladung wegen einer Bagatellstraftat bei der Polizei erschienen, um eine Aussage zu tätigen. Er hätte zwar nicht erscheinen müssen, wollte aber wohl gerne aussagen.

Zur vermutlich nicht gar so geringen Überraschung der Polizeibeamten teilte mein späterer Mandant in der Vernehmung mit, daß er „reinen Tisch“ machen wolle. Sodann berichtete er von bedeutenderen Straftaten, an denen er – wenn auch in untergeordneter Rolle – teilgenommen hatte. Er deckte auf diese Weise eine größere Tatserie auf, durch welche ein immerhin sechstelliger Schaden verursacht worden war. Die Täterstrukturen waren der Polizei bis dahin nicht bekannt. Sie tappte noch völlig im Dunkeln. Bisherige Ermittlungsansätze waren ausweislich der Ermittlungsakte nur begrenzt erfolgversprechend.

Nach der Vernehmung bat die Polizei meinen Mandanten darum, sich gegenüber den anderen Beteiligten zunächst nichts anmerken zu lassen. Man müsse hier zunächst noch weitere Ermittlungen tätigen, bevor man an die anderen Beteiligten herantrete.

Auch hierauf ließ sich mein späterer Mandant ein.

Einige Wochen später erfolgte dann der Zugriff der Polizei.

Neben den anderen Beschuldigten wurde auch mein späterer Mandant in Untersuchungshaft genommen. Als Haftgrund wurde im Haftbefehl auf „Wiederholungsgefahr“ abgestellt. Worin diese bestehen soll, gibt der Haftbefehl gar nicht erst an. Eine Begründung wäre an dieser Stelle vermutlich auch nicht so einfach gefallen. Welche Handlungsweise vermag die Abkehr von den Taten stärker zum Ausdruck bringen als die nahezu anlaßlose Offenbarung der Taten?

Sagte es den Ermittlern nicht zu, daß mein späterer Mandant so umfassend ausgesagt hatte? Wie konnte mein Mandant ihnen auch den „Spaß“ verderben und die Tatserie einfach „auflösen“? Mein späterer Mandant war jedenfalls ausgesprochen überrascht, daß man ihm unterstellte, vermutlich auch zukünftig entsprechende Straftaten begehen zu werden. Immerhin: Auf meinen Haftprüfungsantrag hin wurde der Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt nunmehr beendet.

RA Müller

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6 Kommentare

  1. Ein erster Schritt war die Verhaftung. Der nächste Schritt wird sein, dass der Mandant, für das, was er offenbart hat, eine saftige Strafe erhält und dass man Rabatte im Sinne von § 46b StGB zwar verspricht, aber tatsächlich nicht/kaum einhält. Der Mandant wird sich hinterher vorrechnen lassen müssen: Hätte er nichts gesagt, hätte es ein Jahr gegeben. Hätte ein anderer ausgepackt, hätte es acht Jahre gegeben. Weil er ausgepackt hat, bekommt er „nur“ siebeneinhalb Jahre.


  2. Tut mir ja so leid für den Mandanten.

    Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.


  3. Man hat ihn doch bestimmt nur verhaftet, um ihn vor dem Argwohn seiner Kumpanen zu schützen, sozusagen eine Schutzhaft.
    Er (und Sie) müssen es positiv sehen!


    • Da die Kumpane auch längst über ihre Anwälte Akteneinsicht beantragt haben, dürfte dieser „Schutzmaßnahme“ wenig Erfolg beschieden sein 😉


  4. Natürlich bestand Wiederholungsgefahr. Er hätte auch unverschuldet Mitwisser irgendwelcher Straftaten werden können und wieder durch Aussagen der Polizei zeigen können das sie nicht gut genug ermittelt haben.

    Die Wiederholungsgefahr bestand eben nicht in Straftaten sondern in Aussagen 🙂



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