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Sachverständiger und Sachverstand?

Juli 25, 2013

Ein vom Gericht bestellter Sachverständiger hatte ein schriftliches Gutachten erstellt, das bedauerlicherweise zulasten des Mandanten ausgefallen war. Trotz entsprechender Einwände hatte der Sachverständige in zwei ergänzenden Stellungnahmen an seinem Gutachten festgehalten. Er „durfte“ sein Gutachten dann mündlich erläutern, wirkte dabei indes recht unsicher.

Zunächst bekundete der Sachverständige, daß er nicht wisse, wie bei dem in Rede stehenden Fahrzeug der Ölkreislauf funktioniere. Da ist man bereits mehr als erstaunt. Die Frage klingt für mich nach einer Grundlagenfrage. Man ist um so mehr verwundert, wenn man weiß, daß sich der Sachverständige bereits in seinen ergänzenden Stellungnahmen mit dem Ölkreislauf befassen durfte. Hatte er dort lediglich geraten, wenn ihm der Ölkreislauf des Fahrzeuges gar nicht bekannt war?

Es folgten verschiedene Aussagen zu dem vermutlichen Ölkreislauf, zu denen mir ein anderer Sachverständiger mitteilte, daß diese auf kein halbwegs aktuelles Fahrzeug zuträfen.

Dann behauptete der Sachverständige, daß ein lockeres Bauteil sich „schwingungsbegünstigend“ ausgewirkt habe. An anderer Stelle verwies er darauf, daß die Wirkung „schwingungsbelastend“ sei. Auf meinen Vorhalt schwenkte er darauf um, daß es auf das jeweilige Fahrverhalten ankomme und beide Antworten richtig seien.

Auf diese Weise zogen sich mehr als 90 Minuten Befragung des Sachverständigen hin, welcher zunehmend ins sprichwörtliche Schwitzen geriet. Es ergab sich eine Vielzahl von Widersprüchen.

Daneben lag ein vorprozessual von meinem Mandanten in Auftrag gegebenes Gutachten vor, das zu einem abweichenden Ergebnis kam. Dieses Gutachten war widerspruchsfrei.

Ich beantragte also nach der Befragung des gerichtlich bestellten Sachverständigen die Einholung eines Obergutachtens.

Das Gericht hielt dieses zu meiner Überraschung nicht für erforderlich. Zwar hätten die Angaben des gerichtlichen Sachverständigen Widersprüche beinhaltet. Allen Widersprüchen zum Trotze sei der Sachverständige „trotz der sehr kritischen Befragung durch den Klägervertreter“ konstant bei dem Ergebnis seines Gutachtens geblieben, so daß dem Gutachten zu folgen sei.

Woraus sich dieses blinde Vertrauen auf den gerichtlich bestellten Gutachter ergab, erschloß sich mir nicht. Die zahlreichen Widersprüche ließ das Gericht im Urteil zu einem guten Teil unerwähnt. Das außergerichtliche Gutachten fand in dem Urteil gar keine Erwähnung, obgleich der BGH eine Darlegung fordert, aus welchem Grund den Ausführungen des gerichtlich bestellten Gutachters der Vorzug über ein Parteigutachten gegeben wird.

Ganz so einfach hätte es sich das Gericht nicht machen dürfen. Das Berufungsgericht darf es nun richten und hat bereits angekündigt, das beantragte Obergutachten einholen zu werden. Man darf sich also gespannt zeigen.

RA Müller

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2 Kommentare

  1. Da wäre mir im Gerichtsaal erst der Kiefer runter gefallen und dann hätte ich vermutlich angefangen zu lachen. Gut das ich kein Anwalt bin. Das würde ein schlechtes Licht auf mich werfen 🙂


  2. […] einem solchen Sachverständigen wurde ich in einem Verfahren konfrontiert, über das ich an dieser Stelle bereits berichtet […]



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