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„Jetzt kann ich ja frei reden…“

August 12, 2013

Vor einiger Zeit ereignete sich eine Berufungsverhandlung vor einem auswärtigen Landgericht. Das Gericht hatte darüber zu befinden, ob mein Mandant eine am Boden liegende Person getreten hatte. In erster Instanz war mein Mandant freigesprochen worden. Zuvor waren verschiedene Zeugen gehört worden, welche insgesamt kein klares Bild von dem Ablauf der Auseinandersetzung zu liefern vermochten. Einige Zeugen belasteten meinen Mandanten mehr oder weniger konkret, einige Zeugen entlasteten ihn. Der Geschädigte selbst gab an, sich an nichts mehr erinnern zu können.

Zu Beginn der Verhandlung wurde festgestellt, daß der Mitangeklagte ebenso wie der Geschädigte und eine weitere Zeugin nicht erschienen waren.

Die Verhandlung sollte mithin an einem anderen Termin neu verhandelt werden. Der Vorsitzende des Gerichts würde die Sache indes nicht mehr verhandeln, da sein Ruhestand unmittelbar bevorstand.

Der besagte Vorsitzende äußerte sich am Ende der Verhandlung recht unverblümt dahingehend, daß die Sache eigentlich ganz klar sei. Mein Mandant habe den am Boden Liegenden getreten. Den Zeugen, die das Gegenteil behauptet hätten, hätte er wohl keinen Glauben geschenkt, schließlich handele es sich um Bekannte meines Mandanten. Es sei klar, daß diese zu seinen Gunsten aussagen würden. Er könne sich jetzt ja so frei äußern, da er die Verhandlung schließlich nicht fortführen werde.

Es ist erschreckend, welch vorgefaßte Meinungen einem zum Teil auf der Richterbank begegnen. Die Aussagen von Zeugen abzutun, ohne diese Zeugen überhaupt selbst angehört zu haben, verbietet sich von selbst, zumal vorliegend zu bedenken war, daß der erstinstanzliche Richter gerade nicht zu dem Schluß gelangt war, daß den Zeugen nicht zu glauben war.

Neues Spiel, neues Glück, liegt einem da auf den Lippen, auch wenn es alles andere als ein Spiel ist und Glück eigentlich nichts damit zu tun haben sollte.

RA Müller

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2 Kommentare

  1. Ja, schlimm.

    Schlimm ist auch, welche vorgefassten Meinungen über Richter einem teilweise in den Anwaltsblogs begegnen.


    • Und welchem Teil des Beitrags wollen Sie entnommen haben, daß aus dem Einzelfall auf die gesamte Richterschaft geschlossen werden sollte?



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