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Die Kunst, Zeugen zu befragen

August 19, 2013

In einer Strafsache hatte die Polizei mehrere Zeugen befragt, die angaben, das Geschehen direkt zuvor aus der Ferne beobachtet zu haben. Es handelte sich bei den Zeugen um eine Mutter und ihre beiden Töchter.

In der Vernehmung der Mutter taucht dann ein Einschub auf a la: „An dieser Stelle wendet Tochter A ein, daß…“. Die Vernehmung von Tochter B fällt besonders  knapp aus: „Die Zeugin ergänzt die Aussage ihrer Mutter nur noch dahingehend, daß…

Es ist ausgesprochen unschön, wenn Zeugen in Gegenwart des jeweils anderen befragt werden. Zeugen sind ohnehin nicht nur das häufigste, sondern eben auch das unsicherste Beweismittel. Nicht selten findet dann im Gespräch der Zeugen eine Art „gemeinsame Überzeugungsbildung“ statt, ohne daß sich die Zeugen dessen selbst bewußt sein müssen. Um so wertvoller wäre es vorliegend gewesen, hätte man die Zeugen getrennt voneinander befragt, ohne daß die Zeugen sich zuvor ausführlich über das Wahrgenommene unterhalten konnten.

Diese Chance ist leider ungenutzt verstrichen.

RA Müller

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4 Kommentare

  1. Verflixt. Wenn man wie ich die entsprechende Nichtbildung aus Fernsehserien hat geht man davon aus das es Standard ist das die Zeugen getrennt befragt werden. Doof wenn einen da die Realität vom Gegenteil überzeugt.


  2. Natürlich blöd gelaufen.
    Zum Glück leben Mutter und Töchter nicht in einem gemeinsamen Haushalt, haben keine gemeinsamen Schnittpunkte im Leben und überhaupt, ausserhalb der Befragung, keine gemeinsame kommunikative Grundlage, auf der die sogenannte „gemeinsame Überzeugungsbildung“ hätte stattfinden können.
    Dumme Polizei, echt mal…
    Ironiemodus off

    Wirklich blöd allerdings, dass der Herr RA Recht hat und die Zeugenaussagen nachvollziehbar an Wert verlieren, weil simple Formvorschriften nicht eingehalten wurden.


    • Sie wären vermutlich überrascht, wie häufig Aussagen merkliche Unterschiede aufweisen, auch wenn die Zeugen vorher über die Angelegenheit gesprochen, sich aber nicht abgesprochen haben. Das liegt bereits daran, daß Zeugenvernehmungen idR deutlich umfassender ausfallen und nicht selten einen anderen Schwerpunkt aufweisen als ein vorheriges Gespräch unter den Zeugen.

      Abweichungen zwischen den Aussagen werden indes verwischt, wenn die Zeugen gemeinsam vernommen werden; der zweite Zeuge wird sich regelmäßig an die Aussage des vorher vernommenen Zeugen orientieren.

      Ich bleibe also dabei, daß die geäußerte Kritik alles andere als bloße „Förmelei“ ist.


      • Ihre berechtigte Kritik am Vorgehen des Beamten sehe ich nicht als Förmelei.
        Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es andere Sichtweisen zur Problematik des abgestimmten Zeugnisses gibt.
        Und dass ich persönlich es trotzdem als schwach empfinde, vom Grundsatz der einzelnen Anhörung abzuweichen.
        Insofern gebe ich ihnen durchaus Recht, möchte aber auch ein klein wenig relativieren. MfG



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