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Der untaugliche Versuch der Strafverteidigung

Oktober 2, 2013

Mein späterer Mandant war wegen Betruges angeklagt worden. Der deutschen Sprache war er nur sehr eingeschränkt mächtig. In erster Instanz hatte sein Verteidiger gleichwohl nicht dafür Sorge getragen, daß ein Dolmetscher hinzugezogen wurde. Der Richter konnte die sprachlichen Schwierigkeiten erst bei Beginn der Hauptverhandlung feststellen und soll dann mitgeteilt haben, daß man es ohne Dolmetscher versuchen wolle. Der Verteidiger stimmte diesem Vorgehen zu und auch mein späterer Mandant widersprach nicht, ging er doch davon aus, daß sein Verteidiger dem Gericht die wesentlichen Gesichtspunkte vermitteln und sich der Tatverdacht in Wohlgefallen auflösen werde.

Den Tatvorwurf hatte der Mandant dabei zwar halbwegs verstanden, diesen rechtlich indes unzutreffend gewürdigt, so daß seine Verteidigung an der falschen Stelle ansetzte. Aus welchem Grund sein Verteidiger ebenfalls an der falschen Stelle ansetzte, obgleich sich verschiedene Einwände gegen den Vorwurf ergaben, blieb rätselhaft. Vielleicht hatte auch er ohne Dolmetscher Schwierigkeiten, den Mandanten zu verstehen…

Um es kurz zu machen: In erster Instanz erfolgte eine Verurteilung. Entlastende Beweismittel, die meinem späteren Mandanten zur Verfügung gestanden hatten, wurden dem Gericht nicht benannt und daher gar nicht erst herangezogen. Der Mandant wiederum hatte den Kern des Tatvorwurfs nicht verstanden und die Bedeutung dieser entlastenden Beweismittel verkannt.

Ich durfte dann unter dem negativen Vorzeichen der ersten Instanz und der im Protokoll festgehaltenen Äußerungen die Verteidigung in der zweiten Instanz übernehmen. Bemerkenswert war, daß das Protokoll ersichtlich nicht die Worte des Mandanten wiedergaben. Erkennbar hatte der Protokollführer das aufgeschrieben, was er verstanden und dann in eigene Worte gehüllt hatte, da man ausschließen darf, daß mein späterer Mandant damals Ausführungen in wunderbarstem Hochdeutsch tätigte.

In der zweiten Instanz wurde meinem Mandanten durch das Gericht antragsgemäß ein Dolmetscher bestellt. Auch die entlastenden Beweismittel sollten im Rahmen der mehrtägigen Hauptverhandlung herbeigeschafft werden. Ferner kündigte das Gericht bereits an, daß gemäß dem Verteidigungsvorbringen wohl auch ein Sachverständiger beauftragt werden müsse.

Angesichts des verbleibenden Prozeßrisikos, des Umfangs der bevorstehenden Beweisaufnahme sowie des allenfalls geringen Ausmaßes der Schuld meines Mandanten wurde das Verfahren dann indes im allseitigen Einvernehmen gegen Zahlung einer kleinen Geldauflage eingestellt.

Von dem ersten Verteidiger klingen meinem Mandanten dabei noch die Worte „Es sieht schlecht aus aber wir müssen es eben versuchen“ im Ohr.  Wie dieser Versuch indes ohne maßgebliche Einwände gegen den Tatvorwurf und ohne die Möglichkeit des Mandanten, sich dem Gericht hinreichend verständlich zu machen, zum Erfolg führen sollte, wird ein Rätsel bleiben. Eine Verteidigungsstrategie, die allein auf Hoffnung setzt, braucht keinen Verteidiger an ihrer Seite…

RA Müller

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One comment

  1. Ich sehe gerade eine Anzeige „ohne Anwalt sind sie schlecht beraten“ vor meinem geistigen QAuge aufploppen. Wäre hier in erster Instanz wohl anders gewesen… 🙂



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