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Manche Fragen sollte man sich als Verteidiger verkneifen

Februar 12, 2014

In der Hauptverhandlung wurde ein Zeuge danach befragt, ob er die Täter bei Ausführung der Tat erkannt hatte. Auf die entsprechende Frage des Gerichts teilte der Zeuge nach kurzem Überlegen mit, daß er schon davon ausgehe, daß es sich um die Angeklagten handelte.

Allen Verfahrensbeteiligten war bewußt, daß der Zeuge keine sichere Gewißheit bekundete, mithin Zweifel verblieben.

Der Verteidiger eines Mitangeklagten wollte diesen Punkt dann wohl deutlicher machen, so daß er den Zeugen um Erläuterung bat, wie seine Äußerung zu verstehen sei.

Die Antwort des Zeugen ging in die gegenteilige Richtung. Wenn er genauer darüber nachdenke, dann sei er sich sicher, die Angeklagten erkannt zu haben.

Der Verteidiger des Mitangeklagten fragte weiter: Ob er sich denn auch ganz sicher sei, erkundigte er sich bei dem Zeugen.

Im Brustton der Überzeugung bejahte der Zeuge diese Frage.

Der Verteidiger setzte erneut an: Wenn der Zeuge dieses sage, dann müsse er sich doch bewußt sein, daß dieses für den Angeklagten eine sichere Verurteilung bedeuten würde. Daran führe doch gar kein Weg mehr vorbei.

Der Zeuge nahm dieses ungerührt zur Kenntnis und blieb bei seiner Aussage.

Ich darf gespannt sein, wie der Kollege nun plädieren wird, hat er doch selbst in seiner an den Zeugen gerichteten Frage behauptet, daß die Verurteilung seines – die Tat bestreitenden – Mandanten nun unausweichlich sei…

RA Müller

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5 Kommentare

  1. Das war die berühmte Frage zu viel … da bleibt wohl nur übrig, die Frage des Wiedererkennens zum Gegenstand eines Beweisantrags zur Einholung eines Sachverständigengutachtens zu machen oder zu thematisieren, dass es ohnehin nur auf das erste Wiedererkennen ankommt (vermutlich Wahllichtbildvorlage bei der Polizei?), das wiederholte Wiedererkennen hat ja nach BGH-Rechtsprechung keinerlei Beweiswert. Das wird häufig von den Instanzrichtern übersehen …


  2. Regel 1: Stelle keine Frage wenn du die Antwort nicht kennst!

    Die Chance ist jetzt wohl vertan.


  3. Das ist wieder so ein Beispiel, wie man falsche Überzeugungen in Zeugen hervorruft und verfestigt. Ab diesem zeitpunkt wird der Zeuge immer überzeuigt antworten, auch wenn er diese Überzeugung nur als Reaktion auf die Fragen und nicht durch Beobachtung erlangt hat.

    Ich hätte Gedacht, dass Anwälte hier psychologisch besser ausgebildet sind? Das ist doch ein altes und bekanntes Problem, dass die Art der Befragung Erinnerungen verfälschen kann bis hin zur Erzeugung falscher Erinnerungen in Zeugen?


  4. […] Auch wenn dies die sichere Verurteilung des Angeklagten bedeutet? Manche Fragen sollte man sich als Verteidiger verkneifen […]


  5. […] dem Titel „Manche Fragen sollte man sich als Verteidiger verkneifen“ berichtet der Kollege Müller auf „Kanzlei und Recht“ über den Kardinalfehler eines Strafverteidigers. Dazu fällt mir folgende Begebenheit […]



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