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Nur weil „Sachverständiger“ draufsteht, ist nicht immer „Sachverstand“ drin

Juni 16, 2014

So mancher Sachverständige erweckt den Eindruck, daß ihm ein Zacken aus der Krone bricht, wenn er einen Fehler eingesteht. So kommt es dazu, daß Sachverständige ihr Gutachten bisweilen mit einer Verbissenheit verteidigen, als ginge es um ihr Leben.

Mit einem solchen Sachverständigen wurde ich in einem Verfahren konfrontiert, über das ich an dieser Stelle bereits berichtet hatte.

Der dort bestellte gerichtliche Sachverständige gab ein geradezu blamables Bild ab. Einem außergerichtlich von meinem Mandanten eingeholten Gutachten widersprechend verwickelte er sich im Rahmen mehrerer Ergänzungsgutachten und seiner mündlichen Anhörung in derart viele Wiedersprüche, daß es dem heftigen Rudern mit den Armen einer im Treibsand steckenden Person glich. Jede argumentative Bewegung ließ ihn nur noch tiefer einsinken. Hinzu kamen Angaben, die technisch schlichtweg unverständlich waren. Bei manchen Behauptungen, die er zur Verteidigung seines Gutachtens hervorbrachte, entstand bei mir der Eindruck, daß er sich diese Angaben schlichtweg ausgedacht hatte. Entsprechend kam der Sachverständige auch keiner Aufforderung nach, Literaturstellen für seine Angaben darzulegen.

Der vorsitzende Richter am Landgericht schien indes dem Leitspruch zu folgen: „Wenn Justitia blind ist, dann lege ich noch einen drauf und bin blind und taub.“ Jedenfalls folgte er trotz der Widersprüche dem Gutachten des von ihm beauftragten Sachverständigen mit der unschlagbaren Begründung, daß der Sachverständige sich zwar in der Argumentation widersprochen habe, seinem Ergebnis indes treu geblieben sei. Zu dem entgegenstehenden vorgerichtlichen Gutachten verlor er keine Silbe. Das wäre auch schwierig gewesen, hätte man sich dann schließlich inhaltlich tiefgehend mit den Widersprüchen auseinandersetzen müssen.

Mein Mandant verlor entsprechend die erste Instanz und legte auf mein Anraten Berufung ein. Das Oberlandesgericht holte dann auch das vom Landgericht verwehrte Oberguatchten ein. Er stellte dar, daß die Behauptungen des Vorgutachters praktischen Erfahrungen widersprachen. Ihnen sei nicht zu folgen bzw. „keineswegs“ zu folgen.

Nun liegt auch das Urteil des OLG vor, wonach mein Mandant das Verfahren überwiegend gewonnen hat. Für die Gegenseite dürfte dieser Ausgang des Rechtsstreits bittere Kost (Medizin?) darstellen. Sie  hat die Kosten des außergerichtlichen Gutachtens von fast 3.000,- € vollständig zu tragen. Hinzu kommt der überwiegende Anteil an den fünfstelligen Verfahrenskosten. Die insgesamt entstandenen Kosten übersteigen die von meinem Mandanten geforderten Reparaturkosten um ein Vielfaches.

RA Müller

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2 Kommentare

  1. Gutachten in Strafsachen, auch sehr abenteuerlich:


  2. […] Kif­fen, Fil­men, Te­le­fo­nie­ren Cy­ber­mob­bing soll Straf­tat wer­den Nur weil “Sach­ver­stän­di­ger” drauf­steht, ist nicht im­mer “Sach­ver­stand” drin Mil­li­ar­den­scha­den: Ver­si­che­rungs­be­trug ist Volks­sport in Deutsch­land […]



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