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Der anwaltliche Beißreflex

April 15, 2015

… oder wie man sich sein eigens Grab schaufeln kann bzw. hätte schaufeln können.

Viele Anwälte leiden an einer Berufskrankheit: Sie sind dagegen.

Jemand äußert eine Rechtsauffassung? Zur eigenen Meinung befragt folgt fast immer das berühmte „Es kommt darauf an…“ (in der einen oder anderen Variante). Das kann zwar auch tatsächliche Meinung sein oder sogar Wissen, oft genug ist es aber bloße Widerspruchsfreude.

Oder direkt im Beruf: Jemand will ein Tun, Dulden oder Unterlassen vom eigenen Mandanten?

Da ist man erst mal dagegen.

Gute Anwälte finden für dieses Dagegensein auch Gründe, in den Tatsachen oder auch im Gesetz.

Noch bessere Anwälte – das am Rande – sehen auch die (ggf. nur teilweise) berechtigten Forderungen der Gegenseite und können die jeweils ausgeteilten Karten zutreffend beurteilen. Dann sucht man den für den Mandanten günstigsten Weg.

Diese Haltung ist ja – im Vergleich zu Richtern – auch eine vordergründig bequeme und auch sinnvolle Grundeinstellung. Der Anwalt muss z.B. nicht unbedingt eine eigene unumstößliche Meinung zu einer Rechtsfrage haben – er nimmt die, die seinem Mandanten hilft (sofern er sie für vertretbar hält und vertreten kann).

Blöd ist’s nur, wenn das Ganze dann irgendwie reflexartige Züge annimmt:

Ich führte ein rechtlich durchaus anspruchsvolles Verfahren.

Unmittelbar vor dem Termin sprach mich der Vorsitzende dieses Verfahrens an (der Gegnervertreter war noch nicht vor Ort) und teilte mir mit, er habe ein Verfahren – ganz ähnlich wie das Vorliegende – und dazu habe er sich inzwischen diese und diese Meinung gebildet.

Sofort war ich – natürlich nur im Sinne des charmanten kollegialen Austausches – „dagegen“ und zählte auf, was möglicherweise gegen die Auffassung des Gerichts sprechen könnte. Bis mir im Reden dann auffiel, dass die Auffassung des Gerichtes vollumfänglich das Verfahren zu Gunsten meines Mandanten drehen würde. Ich hab das Ganze dann recht kurz abgewürgt im Sinne von „Ihre Auffassung hat natürlich auch Einiges für sich.“ Ob’s dem Richter überhaupt aufgefallen ist, dass ich gerade gegen meinen Mandanten argumentiert hatte, kann ich nicht sicher sagen.

Glücklicherweise haben aber viele Richter auch eine Berufskrankheit:

Eine einmal gefundene und gefasste Meinung lässt man so schnell nicht wieder fallen, man verteidigt sie. So dann glücklicherweise auch hier, letztlich zu Gunsten meines Mandanten.

RA Klenner

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