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Bizarres Telefonat mit einem Versicherer

Juli 24, 2015

Ist ein Totalschaden entstanden, so läßt sich einem dazu eingeholten Sachverständigengutachten der sogenannte Wiederbeschaffungswert entnehmen. Es handelt sich um den Wert, den das Fahrzeug unmittelbar vor dem Unfall aufwies, also um den Zeitwert. Wie in unzähligen anderen Unfallsachen auch übermittelte ich dem gegnerischen Versicherer nach einem Unfall, bei dem das E-Bike meiner Mandantin erheblich Schaden genommen hatte, das eingeholte Sachverständigengutachten, verwies auf den gutachterlich festgestellten Wiederbeschaffungswert und forderte zur Auszahlung des Betrages abzüglich des sogenannten Restwertes auf (Restwert = der Wert, den das Fahrzeug nach dem Unfall noch aufweist).

Die Reaktion des Versicherers ließ mich vermuten, daß der Sachbearbeiter neu in der Unfallregulierung war:

„Der Schaden an einem Fahrrad bemißt sich nicht nach dem Wiederbeschaffungswert, sondern nach dem Zeitwert. Bitte reichen Sie noch den Anschaffungsbeleg ein.“

Abgesehen davon, daß der Wiederbeschaffungswert identisch mit dem Zeitwert ist, fragte ich mich, wie der Sachbearbeiter aus dem geforderten (und überflüssigen) Anschaffungsbeleg den Zeitwert ablesen wollte. Er hätte natürlich ein Sachverständigengutachten einholen könne, aber es lag ja bereits eines vor…

Also rief ich kurzerhand bei dem Sachbearbeiter an, um die Sache schnell telefonisch zu klären. Es entwickelte sich ein recht bizarres Telefonat, in dem der Sachbearbeiter dabei blieb, daß bei Fahrrädern der Zeitwert und nicht der Wiederbeschaffungswert anzusetzen sei. Er mache das schon viele Jahre und kenne sich aus.

Auf meine Frage, wo der Unterschied zwischen Wiederbeschaffungswert und Zeitwert liege, entgegnete er:

„Der Wiederbeschaffungswert findet auf Kraftfahrzeuge Anwendung, der Zeitwert auf Sachen.“

Meine Anmerkung, daß Kraftfahrzeuge auch Sachen sind, ließ ihn unbeeindruckt:

„Bei Kraftfahrzeugen gibt es Sonderregelungen wie etwa Nutzungsausfall.“

Nun bereits leicht konsterniert wies ich darauf hin, daß es nach der Rechtsprechung auch bei Fahrrädern Nutzungsausfall gibt. Dies wollte mir der Sachbearbeiter nicht recht glauben. Ich bemühte also einen anderen Ansatz und wollte wissen, wie der Sachbearbeiter den Zeitwert definierte. Er erwiderte:

„Der Zeitwert berücksichtigt den Vorteil neu-für-alt, weil das Fahrzeug des Geschädigten ja bereits gebraucht war und er keinen Anspruch auf ein neues Fahrzeug hat.“

Ich wies darauf hin, daß der Geschädigte auch bei beschädigten Kraftfahrzeugen kein neues Fahrzeug bezahlt bekommt und der Wiederbeschaffungswert doch gerade berücksichtigt, welchen Wert das Kfz unmittelbar vor dem Unfall aufwies. Dies brachte den Sachbearbeiter zumindest kurz ins Grübeln, indes nicht sehr lange:

„Wiederbeschaffungswert und Zeitwert sind etwas anderes, sonst gäbe es ja nicht beide Begriffe.“

Sich seines „Arguments“ wohl selbst nicht ganz sicher fügte er rasch hinzu:

„Im übrigen habe ich das schon immer so gemacht.“

Ich schlug vor, eine Wette abzuschließen, daß er falsch liegt. Hierauf wollte sich der Sachbearbeiter des Versicherers leider nicht einlassen. Standhaft blief er allerdings bei seiner Auffassung, mit dem Gutachten hier nichts anfangen zu können, da es nur den Wiederbeschaffungswert und nicht den Zeitwert angebe.

Auf die Übersendung meiner Klageschrift hin erfolgte umgehend die vollständige Zahlung…

RA Müller

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5 Kommentare

  1. Manche halten das für Erfahrung, was sie 20 Jahre falsch machen 🙂


  2. Ich arbeite im Öffentlichen Dienst und kenne diesen Quatsch nur zu gut. Selbsternannte Rechtsexperten auf Verwaltungsstellen, die seit 30 Jahren Anträge grundsätzlich falsch bearbeiten. So haben wir zum Beispiel in der Beschaffung eine Kollegin, die hartnäckig behauptet, wir müssten immer drei Angebote einholen. Auch ein Verweis auf das Landes-Vergabegesetz lässt sie kalt.
    So ist das eben …


  3. Das sind doch generelle Verwaltungsgrundsätze, die in Mecklenburg sogar Verfassungsrang haben:
    – Das machen wir schon immer so.
    – Das haben wir noch nie so gemacht.
    – Da könnte ja jeder kommen.
    – Wo kämen wir denn da hin.
    – Es ist zwar rechtswidrig, hat sich aber in der Praxis bewährt.


  4. Es gibt meines Wissens nach schon einige Unterschiede zwischen Wiederbeschaffungswert und Zeitwert. Der Zeitwert ist erheblich „grober“ und berücksichtigt nur den allgemeinen Wertverlust. Der Wiederbeschaffungswert berücksichtigt solche sachen wie Allgemeinzustand etc. In manchen Fällen sind beim Wiederbeschaffungswert auch solche sachen wie „Liebhaberstücke“ berücksichtigt, z.B. bei Oldtimern. Da Dellen, Macken und schlechter/guter allgemeiner Zustand für Versicherungen bei Autos wichtiger sind als bei Fahrrädern, verstehe ich den Sachbearbeiter… irgend wie. Leicht Planlos allerdings schon unterwegs.


  5. Ist der Wiederbeschaffungswert wirklich mit dem Zeitwert identisch? Für mich wäre (naiv) Wiederbeschaffungswert des, was man hinlegen muss, um ein gleichwertiges Gerät zu erhalten während Zeitwert das ist, was ich vor dem Verlust dafür bekommen hätte. Diese Werte können identisch sein, sind es durch die Händlermargen im Allgemeinen aber eher nicht, also Wiederbeschaffungswert >= Zeitwert

    Aber vermutlich ist das im Gesetz mal wieder anders geregelt 🙂



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