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Warum in die Ferne schweifen?

September 3, 2015

Mehrfach habe ich es schon erlebt, daß spätere Mandanten sich zunächst an einen „Großstadt-Anwalt“ wandten, als würde es sich hierbei um eine besonders qualifizierte Anwalts-Spezies handeln, die dem Kleinstädter-Anwalt per se überlegen ist. Daei sollte es naheliegend sein, daß es auch dort gute und schlechte Anwälte gibt, wobei ich nachvollziehen kann, daß es für Mandanten zunächst schwer zu erkennen ist, zu welchem Typus ihr jeweiliger Anwalt gehört.

In einem Verfahren hatten sich die Gegner außergerichtlich bereits durch zwei örtliche Anwälte vertreten lassen. Für das Schlichtungsverfahren und die erste Instanz wurde der dritte Anwalt beauftragt. In erster Instanz gingen die Gegner baden, so daß – mahn ahnt es – ein Anwaltswechsel vorgenommen wurde. Nun mußte ein Großstadtanwalt her, der es den Kleinstädtern mal so richtig zeigen sollte.

Etwas überraschend standen die Gegner dann eines Tages in meiner Kanzlei und forderten mich auf, ihnen einen Schriftsatz ihres Großstadt-Anwalts zu erklären. Telefonisch lasse sich das nicht sinnvoll besprechen und die Fahrtstrecke zu diesem Anwalt sei nun wirklich etwas weit. Aber sie hätten diesen Anwalt beauftragen müssen, auch wenn er so weit weg residiere. Nach dessen Auffassung sei die Sache glasklar und das Gericht habe die Sache in erster Instanz völlig falsch entschieden. Hier vor Ort sei man von den Anwälten nur enttäuscht worden. Der einzige Anwalt, vor dem man hier noch Respekt habe, sei nun einmal von ihrem Gegner „belegt“. Ich müsse also verstehen, daß ich ihnen das Schreiben ihres Anwalts zu erläutern habe.

Es versteht sich von selbst, daß ich den Gegnern diesen Wunsch nicht erfüllen konnte und wollte.

Die mit Getöse eingelegte Berufung der Gegner ist übrigens zwischenzeitlich als offensichtlich unbegründet zurückgewiesen worden. Der Großstadt-Anwalt ist weit genug weg, um nicht persönlich mit dem Zorn seiner Mandanten ob dieses „überraschenden“ Ausgangs konfrontiert zu werden. Die Gegner werden auch kaum hierher kommen, damit ich Ihnen den verfahrensausgang erkläre. Hierfür reicht schließlich ein Blick in meine Berufungserwiderung aus.

RA Müller

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2 Kommentare

  1. Naja, gute und schlechte gibt es überall, da haben sie wahrscheinlich recht.

    Aber wenn ich in Kleinstädten Anzeigen von Anwälten lese, dass sie vier verschiedene Tätigkeitsschwerpunkte und noch andere vier Interessenschwerpunkte haben, trotzdem aber nach über 10 Jahren Zulassung noch keinen Fachanwalt besitzen, macht mich das stutzig.

    Die Qualität der Arbeit steigt mit dem Spezialisierungsgrad, denke ich zumindest.


    • Tatsäclich werden Sie auch in Großstädten viele Anwälte finden, die sich nicht spezialisieren, sei es, weil sie gerne Generalisten sind, sei es, weil sie nicht die erforderlichen Fallzahlen aufbringen für einen Fachanwalts-Titel.
      Es ist durchaus sinnvoll, einen Anwalt zu beauftragen, der sich auf das jeweilige Fachgebiet spezialisiert hat. Einen „Großstadt-Bonus“ kann ich allerdings nicht erkennen.



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