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„Darf es etwas weniger sein?“

April 27, 2016

Die Polizei hatte eine Festplatte ausgewertet. Vorliegend bestand die Besonderheit, daß die Festplatte zunächst aufgrund eines Defektes gar nicht lesbar war. Daher wurde ein Fachunternehmen beauftragt, den bestehenden Defekt zu beheben, welches tatsächlich gelang, so daß das Unternehmen der Polizei schließlich ein physikalisches Image der Festplatte zur Verfügung stellen konnte. An dem Festplatten-Inhalt war mein Mandant besonders interessiert, vermutete er darauf doch einen Entlastungsbeweis in dem gegen in geführten Strafverfahren.

Die Polizei teilte nach der Auswertung der Festplatte indes nur kurz mit, daß die entlastende Datei darauf nicht vorhanden sei. Es folgte das Triumphgeheul der Staatsanwaltschaft, die darauf verwies, daß der angebliche Entlastungsbeweis des Angeklagten nun als bloße Schutzbehauptung entlarvt worden sei.

Da mein Mandant ein gewisses Mißtrauen dahingehend hegte, ob die Polizei auch gründlich genug nach der ihn entlastenden Datei gesucht hatte, setzte ich mich mit der Polizei in Verbindung, um eine Kopie des geretteten Festplatteninhaltes zu erhalten. Hierzu war die Polizei nach Absprache mit dem Gericht, bei dem das Strafverfahren bereits lag, gerne bereit, so daß mein Mandant wenig später durch die Polizei einen entsprechenden Datenträger mit einer Kopie des Festplatteninhaltes erhielt.

Die Enttäuschung meines Mandanten war indes groß, als er feststellen mußte, daß sich auf dem Datenträger nur ein Bruchteil der einst auf der Festplatte vorhandenen Dateien befand. Ganze Systemordner fehlten vollständig. Verschiedene Verzeichnisse, die zuvor größere Datenmengen enthielten, waren leer.

Ich teilte also in dem Strafverfahren mit, daß ersichtlich nur ein kleiner Teil der früher vorhandenen Daten wiederhergestellt worden war. Aus der Tatsache, daß sich die gesuchte Datei nicht darunter befand, ließen sich mithin keine Rückschlüsse für oder wider meinen Mandanten ziehen.

Die Überraschung erfolgte in der Hauptverhandlung, zu welcher vorsorglich auch jener Polizeibeamte als Zeuge geladen worden war, welcher die Festplatte ausgewertet hatte. Dieser gab an, daß seiner Ansicht nach der vollständige Festplatteninhalt wieder hergestellt worden sein dürfte.

Angesprochen auf die fehlenden Systemordner etc. auf dem meinem Mandanten ausgehändigten Datenträger, berichtete er, daß dies einfach zu erklären sei. Er habe meinem Mandanten eben nur einen Teil der vorhandenen Daten überspielt. Es habe sich „wohl“ um das „Benutzerprofil“ gehandelt, wobei er sich aber auch nicht mehr ganz sicher war, welche Daten er überspielt hatte und welche nicht.

Die Befragung schien dem Zeugen, der nicht nur sprichwörtlich ins Schwitzen geriet, recht unangenehm zu sein, zumal er im weiteren Verlauf einräumen mußte, an den genauen Inhalt der Festplatte keine Erinnerung mehr zu haben, so daß er auch nichts dazu sagen konnte, ob bestimmte Ordner, in denen mein Mandant die entlastende Datei vermutete und die er nicht mit überspielt hatte, Daten enthielten. Er zeigte sich aber recht sicher, daß die gesuchte Datei nicht darunter gewesen sei, wenn die Ordner Dateien enthalten hatten.

Das war wiederum bemerkenswert, handelte es sich doch um eine eingescannte Quittung, wobei dem Zeugen bei der Suche das Dateiformat und der Dateiname nicht bekannt gewesen waren, die Suche also recht aufwendig gewesen sein müßte. Auf dem PC waren über Jahre  hinweg zahlreiche auch geschäftliche Daten abgespeichert worden, unzählige E-Mails verschickt worden etc. Auf meine weitere Nachfrage gab der Zeuge an, sich von Hand jede in Betracht kommende Datei auf der Festplatte besehen zu haben.

Ins Grübeln kam der Zeuge auf meine Frage, wie lange die Durchsicht gedauert habe. Er sprach davon, daß dies „im Normalfall“ ein bis zwei Tage dauere, er aber nicht wisse, wie lange die Suche vorliegend gedauert habe.

Die große Frage, ob die Datei sich nun doch noch auf der Festplatte befindet, wird indes unbeantwortet bleiben. Das Verfahren hat eine andere, einvernehmliche Erledigung gefunden, mit der alle Verfahrensbeteiligten leben können.

RA Müller

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One comment

  1. Ohne den Fall zu kennen, spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Ihrem Mandanten die Kosten, zumindest Ihre Kosten, falls nicht noch mehr, auferlegt wurden.

    Gewinner sind immer die Rechtsanwälte (Verteidiger).



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