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„Wort für Wort“

Mai 4, 2017

In einem Strafverfahren war ein Zeuge auf einen Dolmetscher angewiesen. Es entspann sich folgender sinngemäß wiedergegebener Dialog zwischen dem Richter und dem Sachverständigen:

Richter: „Übersetzen Sie konsekutiv oder können Sie auch simultan übersetzen?“

Dolmetscher: „Ich kann wortwörtlich übersetzen.“

Richter: „Ich begrüße die wortwörtliche Übersetzung.“

Inmitten der längeren Befragung des Zeugen durch die Staatsanwältin teilte mir mein Mandant mit, daß der Dolmetscher nicht richtig übersetze. Der Dolmetscher und der Zeuge verstünden sich nicht richtig. Selbst überprüfen konnte ich dies zwar nicht. Festzustellen war jedenfalls, daß der Zeuge dem Dolmetscher gegenüber teilweise lange Ausführungen getätigt hatte, Nachfragen des Dolmetschers erfolgt waren und der Zeuge dem Dolmetscher mit den Fingern auf der Tischplatte gezeigt hatte, wie sich welches Fahrzeug bewegt hatte, wobei die anschließende Übersetzung bereits aufgrund der zum Teil deutlich unterschiedlichen Länge der Erklärungen hinter dem Aussageinhalt des Zeugen zurückblieb.

Dabei ist es in der Regel bereits wenig glücklich, wenn der Dolmetscher selbst Nachfragen an einen Zeugen richtet und nicht wörtlich übersetzt, um die Verständnisfragen den Prozeßbeteiligten zu überlassen.

Auf die Kritik an der möglicherweise unrichtigen Übersetzung teilte der Dolmetscher mit: „Dann mache ich das jetzt so, daß ich das Wort für Wort übersetze.“

Mit der Aussage des Zeugen war im Ergebnis wenig anzufangen. Es bleiben leider letzte Zweifel, ob dies an dem Zeugen oder (auch) an dem Dolmetscher lag.

RA Müller

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2 Kommentare

  1. Joachim,Du musst echt mal was daran ändern, dass Du immer bei JuraBlogs mit Carl Christian bezeichnet wirst.

    Grüße


  2. Es muss wieder ein Hobbydolmetscher am Werk gewesen sein, den irgendein Übersetzungsbüro geschickt hat, ohne sich um seine Qualifikation zu kümmern. Dabei wird es die beauftragende Geschäftsstelle definitiv versichert haben, dass der Dolmetscher selbstverständlich ein qualifizierter und sehr professioneller, juristisch bewanderter Muttersprachler ist, also the best of the best of the best… .

    Ein halbwegs professioneller Dolmetscher wird weder wortwörtlich noch Wort für Wort übersetzen (wo wär denn eigentlich der Unterschied? ;)). Erstens, weil das Übersetzen nur schriftlich geht, im Gegensatz zum mündlichen Dolmetschen. Zweitens, weil man bei Gericht entweder konsekutiv dolmetscht (=zeitversetzt, die Verdolmetschung erfolgt, nachdem der Redner seinen Beitrag geendet hat) oder simultan (=zeitgleich). Außerdem hat der Dolmetscher keinen (Interpretations-)Spielraum, die Nachfragen hin oder her, er hat nämlich nur das Gehörte zu übertragen, ob gleichzeitig oder etwas verzögert.

    Natürlich haben die Richter das Recht, x-beliebige Dolmetscher zu laden, aber gerade für solche Fälle gibt es die offizielle Liste der persönlich qualifizierten und überprüften Dolmetscher und Übersetzer: http://www.justiz-dolmetscher.de. Hier wird den Richtern bereits die Arbeit abgenommen. Laden sie aber über Makler, dann sind sie ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wen er ihnen schickt. Und zahlreichen Maklern ist das Hemd näher als die Hose – sprich, seine Verdienstspanne, die um so größer ausfällt je günstiger der Dolmetscher ist und das ist in der Regel dann der Ungelernte/Unqualifizierte. Der Richter hängt aber bei aller Sorgfalt von dem Dolmetscher ab und kann es bei vielen Sprachen nicht einmal überprüfen, ob er reingelegt wird. Also, zur eigenen Sicherheit, sollte man auf die o. a. Liste zurückgreifen.

    Seinerzeit hatte ich darüber geschrieben: https://www.strafrechtsblogger.de/4026/2014/10/



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